Landesverein Sächsischer Heimatschutz — Mitteilungen Band XV, Heft 11–12…
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[Illustration: Cover]
Landesverein Sächsischer
Heimatschutz
Dresden
Mitteilungen
Heft
11 bis 12
Monatsschrift für Heimatschutz, Volkskunde und Denkmalpflege
Band XV
_Inhalt_: Burg Gnandstein, das Spiegelbild eines Jahrtausends
deutscher Kultur – Das Herz im Walde, ein kleines deutsches
Krippen- und Sonnenwendspiel – Beim Türmer in Marienberg –
Urnen- und Gefäßfunde in Meißen-Zaschendorf – Wo die Sage
raunt – Wie »Tier«photographien entstehen können – Das
verborgene Gesicht – Sachsens Binnenlands-Seeschwalben – Der
Floßgraben bei Pegau – Deutsche Volkskunde – Schützenfest in
der Kleinstadt – Wert und Bedeutung lokalhistorischer Forschung
für die allgemeine Geschichte – Das Liebenauer Christspiel –
Galgenmauern – Bücherbesprechungen
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Landesverein Sächsischer Heimatschutz
Dresden-A., Schießgasse 24
Band XV Heft 11/12 1926
[Illustration: Landesverein Sächsischer Heimatschutz Dresden]
Die Mitteilungen des Vereins werden in Bänden zu 12 Nummern
herausgegeben
Abgeschlossen am 30. November 1926
Burg Gnandstein, das Spiegelbild eines Jahrtausends deutscher Kultur
Von _Otto Eduard Schmidt_
Mit Aufnahmen des Landesvereins Sächsischer Heimatschutz
Wer in Chemnitz, dem geräuschvollen Mittelpunkt unserer sächsischen
Eisen- und Webwarenindustrie
»stumpf über Hallen und Höfen
den träge zerfasernden Atem der Kessel und Öfen«
gesehen und dann wieder »straßenlang gefoltertes Eisen zetern« gehört
hat, der ist, wenn er der Stadt den Rücken kehrt, darauf gefaßt,
noch lange Strecken zwischen Schornsteinen und surrenden Maschinen
dahinzufahren. Ja, wenn gar die noch größere Fabrikstadt Leipzig,
in der Luftlinie nur siebzig Kilometer von Chemnitz entfernt, sein
Ziel ist, dann fürchtet er wohl, auf der ganzen Strecke nicht aus der
rußigen, hämmernden, spinnenden und wirkenden Sphäre des sächsischen
Manchesters herauszukommen. Aber glücklicherweise ist dem nicht so.
Schon hinter Neumittelwittgensdorf strecken sich nach allen Richtungen
wieder gesegnete Breiten von Äckern aus, die der Sense des Schnitters
entgegenwogen. In Burgstädt stellen sich zwar die Fabrikschlote,
Geschäftshäuser und die langen Zeilen der Arbeiterwohnungen noch einmal
in Reih und Glied zum Kampf gegen die agrarischen Gewalten, aber sie
können den Sieg nicht behaupten. Denn weiterhin gewinnt das ländliche
Element unumstritten wieder die Oberhand, und wenn auch die Wasser der
Mulde, die wir hinter Cossen kreuzen, mit ihrer dunklen Farbe noch von
der Knechtschaft reden, die sie bis dahin erduldet haben, so sind doch
die Zuchtmeister des geschändeten Flusses selbst nicht mehr sichtbar:
in ihren natürlichen Verhältnissen liegen die fruchtbringenden Täler
da, und aus den Wiesengründen heben sich die grünen Baumgewölbe
der den Bach begleitenden Erlen, Pappeln und Linden empor bis zu
den beherrschenden Höhen, die dunkelgrüne Nadelwälder umsäumen.
Der starke und bis heute erfolgreiche Widerstand, den das zwischen
den beiden Großstädten liegende zentrale Gebiet der neuzeitlichen
Industrialisierung entgegensetzt, wurzelt in dem noch unzerstörten
Erbe der deutschen Kolonisationszeit, in der lehnsmännische,
kirchliche und bäuerliche Kulturschöpfungen wie ein engmaschiges,
festverknotetes Netz dieses Gebiet überzogen haben. Drum scharen sich
noch heute echte deutsche Bauerndörfer hier um eine ragende Burg,
dort um die Ruine eines Klosters, dort um eine altertümliche Kirche,
deren Glöcklein jeden Morgen und jeden Abend für die Einheimischen
wie für den Wandersmann über die grünen Auen siegesgewiß ruft: »Wir
sind noch da, wir leben noch und hoffen noch manches Jahrhundert zu
leben«. Und so geht es weithin nach Norden fort, bis die Randzone der
Leipziger Pflege den grünen Scharen der Ländlichkeit neue Kämpferhorden
des Gewerbfleißes siegreich entgegenwirft … Wir wollen heute nicht
bis zu dieser Linie vordringen, sondern im Herzen des ländlichen
Bezirks bleiben, um einen wichtigen Stützpunkt der alten Kultur- und
Lebensweise in aller Muße zu betrachten und dem zu lauschen, was er uns
Spätgebornen zu erzählen hat.
[Illustration: Abb. 1. =Burg Gnandstein vom Kohrener Wege aus.
Bergfried und Schildmauer=]
In Narsdorf verlassen wir die Bahn. Zwei stämmige Rappen ziehen
uns durch eine reichgegliederte Kulturlandschaft alten Stils. Zur
Linken winkt aus sattgrünen Wipfeln das trauliche Sahlis, einst die
Arbeitsstätte des Dichters Börries von Münchhausen, der jetzt im
Schlosse Windischleuba nahe bei Altenburg wohnt, rechts die heroische
Linie der beiden dohlenumflatterten Bergfriede von Kohren mit der
stimmungsvollen Kirche und zu ihren Füßen das idyllische Städtchen, in
dem der Ackerbürger noch immer den vorherrschenden Stand bildet. Ein
steilerer Anstieg des Sträßchens verkündet die Nähe der uralten Burg
_Gnandstein_ (Abb. 1), und bald grüßt uns der zinnengekrönte Turm des
Schlosses und unten auf smaragdener Wiese die behagliche Rinderherde
des Gutshofes. Wir durchfahren den Zwinger, vor dem zweiten Tore
(Abb. 2) steigen wir aus dem Wagen. Der Schloßherr, Kammerherr von
Einsiedel, begrüßt und geleitet uns in die uns zugedachten Zimmer. Ich
hause in zwei traulichen Räumen des älteren Torhauses. Aus jedem der
sechs Fenster schaue ich auf ein anderes Landschaftsbild, aber überall
herrscht das Grün alter Baumwipfel. Eine weiße Tür führt in eine
Nische, in der man die gewaltige Mauerstärke messen kann, und selbst
das einscheibige Fensterlein der Nische, eine ehemalige Schießscharte,
lenkt den Blick an der Talseite des Schlosses vorbei und vorbei an den
weißen Giebeln des tief unter mir ruhenden Dorfes hinüber zu der 1518
vollendeten gotischen Kirche (auf der anderen Seite des Tals), in der
die lange Reihe der auf Gnandstein gesessenen Einsiedel schlummert.
Aus meinem Vorzimmer führt der Wehrgang auf einer schwanken Bohle,
die nur lose auf den mächtigen Balken liegt, hinüber in die gotischen
Teile der Burg (Abb. 3), durch das Fenster des Vorraums aber blicke
ich empor zum gekoppelten romanischen Fenster des über dem Torbau
aufstrebenden älteren Palas; und ins obere Stockwerk des Torhauses, wo
mein Reisegefährte wohnt, führt ein echter Wendelstein aus den Tagen
Arnolds von Westfalen empor. So bin ich mitten hineingestellt in die
ganze romanische und gotische Herrlichkeit und Heimlichkeit dieser
alten Burg, und ein wohliges Gefühl des Geborgenseins überkommt mich,
das ganz und gar dem Namen und Zweck der »Burg« entspricht.
[Illustration: Abb. 2. =Blick vom zweiten Burgtor aus in den Zwinger=]
Wann und wie ist dieses wundersame Gebilde des »Gnannensteins«
entstanden? Der älteste Teil, der auf der höchsten (östlichen)
Felsplatte errichtete kreisrunde Bergfried (36 Meter hoch, 9¹/₃ Meter
Durchmesser, 3¹/₃ Meter Mauerstärke, 2²/₃ Meter Hohlraum) führt uns in
entlegene Jahrhunderte zurück. Zwischen sechshundert und neunhundert
war dieser Landesteil in den Händen der Sorben-Wenden gewesen, aber im
zehnten Jahrhundert wurde er von den über die Saale und Elster wieder
vorgedrungenen Deutschen zurückerobert und durch feste Burganlagen
gesichert. Im Verein mit der ebenso alten Feste _Kohren_, von der zwei
gewaltige Rundtürme übrig geblieben sind, bildete Gnandstein schon
um das Jahr Tausend den festen Mittelpunkt der deutschen Verwaltung:
Bischof Thietmar von Merseburg erzählt uns, daß er am 2. Mai 1018
seinen »Hof Chorun« besuchte, die Christen der Umgegend, die sich
dort zusammenfanden, segnete und ganze sieben Tage dort zubrachte.
Eine zweite Bauperiode, die sich die Erfahrungen der Kreuz- und
Römerzüge zunutze machte, umgab den Bergfried (zwischen 1150–1200) auf
der Nord- und Ostseite mit einer zweischenkeligen, zinnengekrönten
Schildmauer, der im Westen anfangs eine Mauer, später ein Wohngebäude,
der »Neubau«, im Süden ein romanischer Palas und das ihm rechtwinkelig
vorgelegte Torgebäude entsprach. Seitdem bildete die Burg (Abb. 4) ein
geschlossenes Viereck mit engem Hofe, aus dem der Bergfried gewaltig
emporstieg.
[Illustration: Abb. 3. =Das zweite Burgtor von innen, Wehrgang (rechts)
und Zwinger=]
Seit dieser Zeit (1205) ist Gnandstein der Sitz eines vornehmen
ritterlichen Geschlechts: der Marschall oder Kämmerer des Markgrafen
von Meißen, die ihren Amtstitel zugleich als Familiennamen führen;
so gibt es einen Heinrich Marschall von Gnannenstein, sein jüngerer
Bruder Konrad nennt sich Kämmerer von Gnannenstein; beide gehören schon
durch ihre Hofämter zu dem besonders angesehenen Teile des Meißner
Lehnsadels. Sie verpflanzten ein gewisses ritterlich-höfisches Leben
auch auf ihre Burg. Der steinerne Zeuge davon ist noch heute der bei
aller Schlichtheit vornehme romanische Saal im Palas mit seinen schönen
gekoppelten romanischen Fenstern und den Resten eines Kamins, der Saal,
in dem des fahrenden Sängers Lied ertönte und den Frauen nach der Sitte
des Minnedienstes ritterlich gehuldigt wurde. (Abb. 5.) Keine andere
sächsische Burg hat ein so echtes und so altes Kleinod aufzuweisen
(Abb. 6). Die Marschall von Frohburg (nördlich von Gnandstein), die
Marschall von Mockritz und die Marschall von Bieberstein, ebenso die
Kämmerer von Gruna sind aus der Familie der Schloßherren von Gnandstein
hervorgewachsen, indem sie ihren alten Amtstitel mit dem Namen eines
neuen Besitztums verbanden.
[Illustration: Abb. 4. =Gesamtansicht von Gnandstein.= Rechts das
geschlossene Viereck der romanischen Burg mit Bergfried, Schildmauer
und Palas. Links der größere gotische Palas; das ihm nördlich
gegenüberliegende »Bollwerk«, mit dem Kapellenflügel überbaut, ist nur
teilweise sichtbar]
Eine dritte Bauperiode legte um 1350 auf der weit geräumigeren
Westplatte des Gnandsteiner Felsens eine größere gotische Burg an,
die mit der romanischen durch einen steinernen Wehrgang (siehe oben)
an der Südseite verbunden war und aus einem zweiten Torbau, einem
hochragenden Palas und einem langgestreckten »Bollwerk« auf der
Nordseite bestand. Sowohl dieser gotische Palas wie das später zum
Kapellenflügel ausgebaute Bollwerk erheben sich auf tief in den Felsen
eingearbeiteten, in Tonnenform gewölbten Unterkellerungen, die unter
dem Palas bis zum Wasserspiegel der Wyhra hinabreichen und teils der
Wasserversorgung (Brunnenstube), teils der Verteidigung dienten.
[Illustration: Abb. 5. =Der Aufgang zum romanischen Saal im Palas.=
Rechts vor den Holzsäulen der kleine viereckige Hof, in dem der
Bergfried steht]
Nur zwei bis drei Menschenalter nach der ersten Erbauung der gotischen
Burg kam Gnandstein in die Hand des seit 1435 im Kohrener Land
angesessenen Geschlechts derer von Einsiedel. Die Nachricht des
Fabricius, daß schon 1265 ein Heinricius ab Einsiedel de Gnannenstein
zu verzeichnen und daß seit 1427 die Burg das Stammschloß dieser
Familie sei, ist urkundlich nicht verbürgt. Der erste geschichtlich
beglaubigte Einsiedel auf Gnandstein ist Hildebrand I. (seit 1435), der
1451 die Burg Kohren hinzu erwarb und mit dem Prinzenräuber Kunz von
Kauffungen verschwägert war. Sein Sohn Heinrich I. Einsiedel († 1507)
eröffnete die vierte Bauperiode, indem er den engräumigen gotischen
Palas zwischen 1475 und 1500 im Geiste Arnolds von Westfalen, des
Erbauers der Meißner Albrechtsburg, durch einen bequemeren, schon die
Weiträumigkeit der Renaissancekunst zeigenden Wohnbau ersetzte, der
noch heute den Mittelpunkt des Gnandsteiner Burglebens bildet (Abb.
4), und zugleich das ihm nördlich gegenüberliegende Bollwerk mit
einem seinen Grundlinien folgenden Kapellenbau bekrönte. Eine aus der
westöstlichen Hauptachse rechtwinkelig nach Norden ausfallende Bastion
bildete dabei eine Art von Apsis des langgestreckten Gotteshauses.
Das verfeinerte Adelsleben des achtzehnten Jahrhunderts führte eine
fünfte Bauperiode herauf: längs des Wohnschlosses wurde im Inneren
des Burghofes eine Reihe steinerne Arkaden errichtet als Träger von
Gängen vor den Zimmern des ersten und zweiten Obergeschosses, auf denen
die aufwartenden Diener hin und her eilten. Diesem die ganze Nordwand
des Palas umspannenden Vorbau entsprach auf der gegenüberliegenden
Hofseite ein aus hölzernen Säulen und Brettern gefügter Vorbau, auf
dem in beiden, auf offenen Holztreppen erreichbaren Obergeschossen
Holzgänge zu den Kaminen und Türen führten, durch die man in die
Kapelle und in die alte Gerichtsstube und einige Nebenräume gelangte.
Endlich begann, laut Ausweis der noch vorhandenen Rechnungen, 1809,
ein reichliches Jahr nach dem Einzuge der jungen Schloßherrin Julia
von Einsiedel geborenen Kunze, eine sechste und letzte Bauperiode, bei
der die alten baufälligen Holzgänge am Kirchengebäude abgerissen und
dadurch ersetzt wurden, daß man die Treppe einerseits in den Keller
hinab und andererseits durch ein ehemaliges Gewölbe und zwei Kammern
des Westbaues bis zum Boden emporführte, auch die neben der Kapelle
befindliche Stube wurde zum Vorzimmer der Kapelle gemacht (1812).
Gleichzeitig wurde der Eingang in den Zwinger (Burggraben) unter dem
Bogengang des Wohngebäudes durchgebrochen und der Holzschuppen und
Wagenschuppen teilweise in Stein erneuert und endlich der steinerne
Arkadengang der Langseite des Kirchenbaues vorgelegt. Damit war, wenn
man von kleinen Besserungen und Vervollkommnungen absieht, die die
neuzeitlichen Lebensgewohnheiten einführten, ungefähr der Baubestand
der Burg erreicht, der noch heute besteht.
[Illustration: Abb. 6. =Der romanische Saal im Obergeschoß des älteren
Palas mit den romanisch-gekoppelten Fenstern und den Resten des Kamins
in der rechten vorderen Ecke=]
Vielfältig waren die Schicksale der Burg und ihre Beziehungen zu
den Zeitverhältnissen. Bei der Gründung von Gnandstein überwog der
Gedanke, durch diese Burg die umwohnenden Slawen zu beherrschen alles
andere. Später diente sie der Sicherung der deutsch-christlichen
Bauern der benachbarten Dörfer vor feindlichen Überfällen und zum
Schutze der von Halle über Merseburg und Leipzig über Chemnitz nach
Prag führenden Straße (Salzstraße), im dreizehnten und vierzehnten
Jahrhundert war sie der Brennpunkt eines hochstrebenden ritterlichen
Lebens, das in diesem burgenreichen Landesteil (Gnandstein, Kohren,
Sahlis, Rüdigsdorf, Frohburg, Wolftitz, Waldenburg, Wolkenburg,
Rochsburg, Wechselburg, Rochlitz) sich besonders reich entfaltete. Aber
noch im sechzehnten Jahrhundert galt der Gnandstein als die festeste
und sicherste Burg Westsachsens: noch liegen in ihrem Archiv die
Verzeichnisse der Kostbarkeiten und Schätze, die aus dem Vogtland und
aus pleißenländischen Edelsitzen während des Schmalkaldischen Krieges
in der Gnandsteiner Burgkapelle geborgen wurden.
Die Gnandsteiner Lehnsbriefe sind auf dem sächsischen
Hauptstaatsarchive leider erst vom Jahre 1539 an erhalten. Sie
zeigen den weiten Umfang des Besitzes der Einsiedel auf Gnandstein.
So umfaßt der Lehnsbrief, den Herzog Heinrich im Jahre 1539 zu
Kempnitz (Chemnitz) Donnerstags nach Martini dem Heinrich Hiltbrand
von Einsiedel verlieh, außer Schloß und Dorf Gnandstein die Dörfer
Wüstenstein und Dolsenhain, Dorf und Vorwerk Syhra »mit der Siritz«,
Trusselsdorf, Roda, Niedergräfenhain in der Rochlitzer Pflege »wie
solch Dorf Her Heinrich von Einsiedeln seliger sein Vater etwan von
Caspar und Gorgen von Rüdigstorff abkaufft und zu Lehen empfangen,
ynnegehapt, besessen und gebraucht hat«, ferner Einkünfte aus
Rattendorf, Zinsen zu Seyffersdorf, Breitenborn, Ottenhain, Geithain,
Wickershain, Weißbach und Nauenmerbitz. Besonders im Übergang vom
fünfzehnten zum sechzehnten Jahrhundert und in der Zeit der Reformation
offenbarten die Gnandsteiner Herren von Einsiedel Treue gegen den
Landesherrn, religiösen Sinn und hohes Verständnis für die bildende
Kunst. Heinrich I. Einsiedel, der Erbauer des westlichen Wohnschlosses
in seiner heutigen Gestalt und des Kapellenflügels, war der vertraute
Rat des Kurfürsten Ernst und des Herzogs Albrecht, sein Sohn Heinrich
II. Hildebrand, der Freund Luthers, beherbergte am 18. April 1547 den
Kaiser Karl V. und bemühte sich, »durch Interzession großer Herren und
der Kaiserlichen Räte« den Kaiser von der Fortsetzung des Heereszuges
gegen den Kurfürsten Johann Friedrich abzuhalten. Ein reicher
Legendenkranz hat sich um das, was damals in Gnandstein vorging,
herumgeschlungen. Ein ehemals (1895) im Dresdner Hauptstaatsarchiv
im Locat (Fach) 9142 befindliches, augenblicklich nicht auffindbares
Manuskript erzählt, der Kaiser, der im Schlosse selbst zur Nacht blieb,
während sein Bruder Ferdinand, der Böhmenkönig, in der Dorfschänke, die
sächsischen Herzöge Moritz und August aber unterm Zelt im freien Feld
ihr Lager hielten, habe sich gewundert, daß er in einem ketzerischen
Hause Bilder der bedeutendsten Kirchenlehrer mit frommen Unterschriften
an den Wänden fand und daß der Hausherr dem Hause Sachsen so redlich
Treue hielt.
Im Freiheitskrieg war die Pflegeschwester Theodor Körners, Julie
von Einsiedel geborene Kunze, die Gattin Alexanders von Einsiedel,
Schloßherrin auf Gnandstein. Sie war die Tochter des Leipziger
Kauf- und Handelsherrn Kunze, eines vertrauten Freundes Christian
Gottfried Körners, des Vaters des Dichters. Dieser nahm nach dem Tode
der Eltern die verwaiste Tochter Julie, ein sehr schönes und reich,
namentlich musikalisch begabtes Kind, in sein Haus auf. Sie war die
Seele der kleinen Aufführungen, die Theodor Körner schon als Knabe
veranstaltete. Im Jahre 1807 hatte Heinrich von Kleist um sie geworben,
aber sein stürmisches und krankhaftes Wesen hatte ihre Liebe nicht
ausreifen lassen. Am 2. November hat sie Alexander von Einsiedel auf
Gnandstein geheiratet. Und hier fand Theodor Körner, als er nach seiner
schweren Verwundung bei Kitzen aus Leipzig flüchtete, vom 27. bis 28.
Juni 1813 ein Asyl, aus dem er am 28. nach Chemnitz und von da über
die böhmische Grenze nach Gottesgab und Joachimstal gelangte. Hier, im
Bereiche der böhmischen Armee der Verbündeten war er vor den Schergen
Napoleons gerettet. Unterwegs schrieb er auf einen Zettel an Julie von
Einsiedel: »Gnandsteins Gebieterin grüßt noch mit herzlichem Dank C. T.
Körner« und auf der Rückseite die beiden Distichen:
»Lebe wohl, du freundliches Schloß, wo die Schwester mir weilet,
Die mit melodischem Ton lieblich den Wandrer begrüßt;
Süß, wie des Frühlings Pracht auf deiner Flur mich umfangen,
So, an des Gatten Herz, blüh ihr ein ewiger Lenz!«
Ein Erinnerungsstein an Theodor Körner und Julie von Einsiedel, den die
jetzige Schloßherrschaft im Garten errichtet hat, trägt diese Verse als
Inschrift (Abb. 7).
Ein gütiges Schicksal hat die Burg Gnandstein vor feindlichen
Erstürmungen und vollständigen Einäscherungen bewahrt; nur kleinere
Feuerschäden, zwei davon durch Blitzschlag, werden aus den Jahren 1577
und 1646 und eine durch schwedische Brandstiftung (1632) verzeichnet.
So gehört Gnandstein neben Kriebstein nicht nur zu den am reichsten
entwickelten, sondern auch zu den am besten erhaltenen Burganlagen
Sachsens. Und dem jetzigen Burgherrn, Kammerherrn Hans von Einsiedel
und seiner Gemahlin gebührt der aufrichtige Dank aller wahren
Altertumsfreunde, daß sie die in Rücksicht auf die Behaglichkeit des
Wohnens wünschenswerten Veränderungen des Burginnern auf ein Mindestmaß
beschränkt haben und daß sie die baulichen Wiederherstellungen
verfallener Teile in der alten Schlichtheit und Wahrhaftigkeit
haben durchführen lassen. Das gilt namentlich von den Arbeiten des
Architekten Kandler an den romanischen Teilen der Burg. Der Bergfried
nebst seinen Schildmauern und der Palas, insbesondere der große Saal,
strahlen noch heute den kraftvollen, etwas rauhen Geist der Zeit
ihrer Entstehung wieder, ohne jede süßliche Verschönerung. Sie wirken
deshalb natürlich viel nüchterner auf den Beschauer als die mit Werken
neuzeitlicher Künstler geschmückten Säle der Wartburg, aber auch
viel echter (Abb. 6). Hervorzuheben ist auch der aus echten alten
Stücken der Schloßeinrichtung zusammengestellte »Empire-Saal« und das
»Biedermeierzimmer«, sowie die Beschaffung eines die handschriftlichen
Schätze des Hauses in mehreren Zimmern des Erdgeschosses vereinigenden
Archives.
[Illustration: Abb. 7. =Erinnerungsstein an Theodor Körner im
Schloßgarten=]
In den letzten Jahren haben sich die Bemühungen des Schloßherrn
besonders der Auffrischung des _Kapellenflügels_ zugewendet (Abb. 8).
Über den ursprünglichen Bestand dieses eigenartigen Bauwerkes (siehe
Seite 370) an kirchlichen Kunstwerken und Einrichtungsstücken fehlt
es leider an jeder zeitgenössischen Nachricht. Man wird aber wohl
annehmen dürfen, daß die Sitzbänke des langgestreckten Raumes, wenn
auch nicht in allen Einzelheiten (siehe unten Seite 381), ferner die
älteren Glasmalereien der Fenster, der Wandschrank mit den geschnitzten
Wappen Heinrichs I. von Einsiedel und seiner Frauen, eine Kanzel (die
jetzige ist allerdings späteren Ursprungs und steht auch nicht an der
ursprünglichen Stelle), vor allem aber die _drei schönen Flügelaltäre_,
die vermutlich auch das Andenken an die drei Eheschließungen Heinrichs
lebendig erhalten sollten, zur ursprünglichen Ausstattung der Kapelle
gehören.
[Illustration: Abb. 8. =Der Kapellenbau in der Längsachse, im
Vordergrunde rechts der Anfang der nördlich gerichteten Apsis und
ein Stück des Betschemels (S. 378), im Obergeschoß der Kapelle die
Betstübchen der Frauen=]
Der am Ostende der Längsachse des Kapellenbaues aufgestellte Altar
ist der schönste und best erhaltene (Abb. 9). Er gilt seit Flechsig
(Zeitschrift für bildende Kunst XX [1909] Seite 234) für eins der
Werke des Zwickauer Meisters _Peter Breuer_, eines Zeitgenossen Till
Riemenschneiders, der wie dieser (Riemenschneider) von der Würzburger
Bildschnitzschule beeinflußt war, aber in Einzelheiten auch wieder
seine eigenen Wege ging. Er war um 1470 in Zwickau geboren, wird
1492 als »Peter Breuer von Zwickaw« in Würzburg als Geselle erwähnt
(Hentschel, Sächs. Plastik um 1500, S. 35), schuf 1497 den Altar von
Steinsdorf bei Elsterberg (sein erstes Werk in Sachsen) und darnach
eine große Reihe von Altarwerken, die über das nördliche Vorgelände des
Erzgebirges und des Vogtlandes verstreut sind, vereinzelt aber auch
sich im Erzgebirge selbst und im nördlichen Böhmen finden. Die Liste
seiner Werke ist noch nicht völlig abgeschlossen (siehe Seite 378).
[Illustration: Abb. 9. =Der Marienaltar von Peter Breuer am Ostende des
Kapellenbaues.= An der linken Seitenwand der alte Kruzifixus aus der
Gnandsteiner Dorfkirche, davor ein Stück des Annenaltars]
Der Gnandsteiner Marienaltar trägt leider keine Bezeichnung von Peter
Breuers Hand und ist auch nicht datiert – wenigstens hat man bis jetzt
weder eine Jahreszahl noch ein Meisterzeichen Breuers an ihm entdeckt
– aber er hat doch so viele Merkmale der Breuerschen Werkstatt an
sich, daß er dem Meister mit einiger Sicherheit zugeschrieben werden
kann. Als solche Kennzeichen hat man an den unzweifelhaft echten, vom
Künstler selbst bezeichneten Werken Breuers außer anderen folgende
beobachtet: 1. die Sockel der Figuren sind oft gebildet als »grüne
Hügelchen aus schuppenartig übereinander vorstehenden Grasspitzen«,
2. »die Hände nehmen mit Vorliebe eine Falte zwischen die Finger oder
nehmen den Mantel hoch, um, indem sie sich durch den Stoff abzeichnen,
dem Beschauer fühlen zu lassen, wie anschmiegsam er ist«, 3. Johannes
und Barbara nehmen den Knauf ihres Kelches zwischen die Finger, 4.
die »schlichte Mütterlichkeit der Madonna«, die das Jesuskind am
Fuße anfaßt, oder am Knie stützt und ihm ein Spielzeug (eine Birne
oder Traube) in die Hand gibt, 5. die eigentümlich abgeplattete Form
des Daumens (z. B. bei der Papstgestalt und der Heiligen Barbara
aus Schweinsburg im Leipziger Kunstgewerbemuseum, siehe Flechsig a.
a. O. S. 230 und 231) und endlich 6. die eigenartige Behandlung des
Hintergrundes des Schreins als ornamentiertes Flachrelief[1].
Außerdem ist in Breuers Gestalten die überkommene steife spätgotische
Gewandform der »Knitterfalten« fast überwunden durch einen immer
natürlicher werdenden Faltenwurf und der unpersönliche Typus der
Gesichter durch individuelle Einzelzüge, die dem Leben und der
menschlichen Umgebung des Künstlers abgelauscht sind. Er ist noch
Gotiker, aber der große Drang vom Schema weg zur Natur, der die
anbrechende Renaissance kennzeichnet, beginnt sich in ihm schon zu
regen. Seine Männergestalten mit den tiefgebohrten, an Riemenschneiders
Art erinnernden Locken, den stark hervortretenden Backenknochen und den
teils weitgeöffneten, fragenden, teils schräg zueinander gestellten
Augen haben etwas Versonnenes, die weiblichen mit dem auffallend
kleinen, zusammengezogenen Mund, den schweren Augenlidern und dem etwas
geneigten Kopfe haben leicht etwas Versorgtes: die lebenden Ebenbilder
beider waren Frauen und Männer aus Zwickau und anderen westsächsischen
Städten.
Der Mittelschrein des Breuerschen Altars in Gnandstein enthält die
Gestalten der Maria, links davon die Heilige Katharina mit dem
Schwert, rechts die Heilige Margareta mit dem Kreuz in der Hand (Abb.
10), vielleicht in Anspielung auf die zweite Gemahlin Heinrichs von
Einsiedel, die Margareta von Schleinitz und Tochter des gewaltigen
Erbmarschalls Hugold von Schleinitz (siehe Kursächsische Streifzüge
III³, Seite 84). Im linken Flügel des Altars steht die Heilige Barbara
mit dem Kelche, im rechten die Heilige Dorothea mit dem Fruchtkorbe.
Wenn man diese Gestalten nach den oben genannten Kennzeichen prüft,
so muß jeder Zweifel an Breuers Urheberschaft schwinden. Denn 1. ist
der Hintergrund durchaus reliefartig behandelt, zu zwei Dritteln in
Gold, das oberste Drittel in Blau mit goldenen Sternen, 2. findet
sich das schuppenförmig sprießende Gras am Sockel der Barbara und der
Dorothea, 3. durchbricht bei Barbara der Knauf des Kelches in sehr
auffälliger Weise mit dem Rautenwürfel den Zusammenhang der Finger, 4.
wird das lebhaft spielende Jesuskind von der Mutter unter dem Arm mit
der Rechten, am Knie mit der Linken gestützt und 5. findet sich der
abgeplattete Daumen ganz ausgeprägt bei Barbara und Dorothea.
[Illustration: Abb. 10. =Der Mittelschrein des Breuerschen
Marienaltars.= Mittelgruppe: Maria mit dem Jesuskind; links davon: St.
Katharina mit dem Schwert; rechts davon: St. Margareta mit dem Kreuz.
Linker Flügel: St. Barbara mit dem Kelche; rechter Flügel: St. Dorothea
mit dem Fruchtkorbe]
Der mittlere Flügelaltar ist der Heiligen Anna gewidmet. Ihr Kultus
hängt mit der damaligen Blüte des sächsischen Silberbergbaues zusammen,
als dessen Patronin die Heilige galt. Auch Heinrich von Einsiedel
soll aus dem St. Annaberger Silberbergbau beträchtliche Einnahmen
bezogen haben. Der links vom Annenaltar nahe der Mitte der Apsis
aufgestellte Bartholomäusaltar hat leider durch die sehr ungeschickte
Über-Eck-Aufstellung (rechtwinkelig zur Wand) den linken Flügel und
von der Bekrönung das rechte (Schönbergische) Wappen verloren. Er war
vermutlich dem Andenken der dritten Gemahlin Heinrichs I. von Einsiedel
gewidmet. Flechsig hat ohne weitere Begründung auch diese beiden Altäre
dem Peter Breuer zugeschrieben; ob mit Recht, kann erst entschieden
werden, wenn man die geschnitzten Figuren der Aufsätze, die sich in
beträchtlicher Höhe befinden, genau untersucht. Denn diese beiden
Altäre haben statt der Schreine mit plastischen Gestalten nur gemalte
Tafelbilder.
[Illustration: Abb. 11. =Betschemel mit dem Gekreuzigten=, links
Maria, rechts der Apostel Johannes. In der Mitte des Astwerks das
Schönbergische Wappen. Das Ganze ein Werk von Peter Breuer]
Dagegen glaube ich in dem _altarartig ausgestatteten herrlichen
Betschemel_, der jetzt an der linken Seitenwand der Apsis angebracht
ist, ein Werk Peter Breuers neu entdeckt zu haben. Dieser Betschemel
stand bis vor wenigen Jahren in dem vordersten, erst 1812 zur
Kapelle hinzugekommenen Raume (siehe Seite 370) und galt manchen
als der Rest eines 1457 in der Gnandsteiner Pfarrkirche erwähnten
Dreifaltigkeitsaltars. Aber dieser Betschemel ist ein durchaus
einheitlich und organisch empfundenes und ausgeführtes Werk, das nicht
aus den Bruchstücken eines anderen zusammengeflickt sein kann. Sein
erster uns bekannter Standort deutet allerdings darauf hin, daß er
nicht zu den ursprünglichen Ausstattungsstücken der Kapelle gehörte.
Da er in der Mitte der Bekrönung das Schönbergsche Wappen trägt, nehme
ich an, daß dieser Betschemel ein eingebrachtes Ausstattungsstück der
ersten oder dritten Gemahlin Heinrichs I. von Einsiedel gewesen ist und
zuerst in ihrem Schlafzimmer im Palas oder in einer benachbarten Bet-
und Andachtsstube an der Wand befestigt war, vielleicht zu einer Zeit,
wo der Umbau des Bollwerks zur Burgkapelle noch nicht vollendet war.
Nach dem Einzug der evangelisch-lutherischen Lehre ist das Kunstwerk
vielleicht auf den Boden gekommen, aber durch den romantisch fühlenden
Alexander von Einsiedel (siehe Seite 380) wieder hervorgesucht und
im Vorraum der eigentlichen Kapelle angebracht worden, von wo es der
jetzige Schloßherr an seinen jetzigen, weit günstigeren Standpunkt
versetzte (Abb. 11). Der ganze Aufbau ist alt und echt, nur das die
Bibel tragende Lesebrett ist um 1812 statt des vermorschten alten
ergänzt worden. Der knieend Betende blickt vom Schemel empor zu
dem etwa in ²/₃ Lebensgröße (108 Zentimeter) dargestellten Heiland
am Kreuz, zur Linken steht die etwa 90 Zentimeter hohe trauernde
Maria, zur Rechten Johannes (92 Zentimeter), beide unter je einem
gotischen Baldachin, alle drei Gestalten werden zu einer Einheit
zusammengeschlossen durch ein kunstvolles, bekrönendes Astwerk. Für
Peter Breuer als Schöpfer dieses schönen Werkes spricht zunächst der
Gesichtsausdruck der Maria und des Johannes in ihrer versonnenen
Stille; Johannes (Abb. 12) ist ganz ähnlich aufgefaßt wie der
unbestritten Breuersche Johannes im Aufsatz des Marienaltars, selbst
die Farbe der Gewänder (Blau und Rot) stimmen überein, nur ist der Kopf
des Johannes am Betschemel ein wenig breiter. Auch die Kopfhaltung und
der Faltenwurf zeigen Breuersche Züge, ebenso die gebohrten Locken des
Apostels. Vor allem aber stimmt die Daumenprobe. Zwar bei Maria läßt
sie sich nicht anstellen, da leider beide Daumen abgebrochen sind, aber
bei Johannes sind beide Daumen und sogar die große Zehe des nackten
Fußes ganz in der Breuerschen Weise abgeplattet.
[Illustration: Abb. 12. =Der Apostel Johannes am Betschemel=, ein Werk
von Peter Breuer. Man beachte die eigenartig abgeplatteten beiden
Daumen und die große Zehe des rechten Fußes]
Endlich steht die ganze Kreuzigungsgruppe Peter Breuers von etwa
1505 (_Hentschel_ a. a. O. S. 36 und Tafel 21), die sich in der
Johanniskirche zu Chemnitz findet, in enger Beziehung zum Gnandsteiner
Betschemel: die Kopfform und der Gesichtsausdruck des Heilands, das
links nach unten und rechts nach oben schwingende Lendentuch mit seinen
Röhrenfalten, die Gewandung, der Gesichtsausdruck und die Kopfhaltung
der Maria, Gewandung, Körperhaltung, Kopfform und Haarbehandlung des
Johannes und anderes verraten in beiden Werken die Hand desselben
Künstlers und zwar die seiner Frühzeit.
Welch eine tiefe religiöse und künstlerische Kultur muß dem Vater
der Gattin Heinrichs von Einsiedel und diesem selbst eigen gewesen
sein, wenn sie ihr Leben und das ihrer Kinder und ihres Gesindes
durch das tägliche Anschauen von so hohen, vom Hauche innerlicher
Frömmigkeit beseelter Kunstwerke zu veredeln suchten. Auch das
weibliche Gesinde nahm am Gottesdienste in der Burgkapelle teil. Denn
zu den ursprünglichen Einrichtungen der Kapelle gehört auch die von
Konsolen aus Rochlitzer Stein getragene Empore, hinter deren hölzernen
Balustraden und holzvergitterten Fensterchen die Burgfrau mit ihren
Mägden, von den Männern ungesehen, die Messe hörte. Diese Empore war
von einer längs des Oberstockes der Kapelle hinlaufenden Holzgalerie
aus zugänglich (siehe Seite 370).
Um 1812, in der Zeit der blühenden deutschen Romantik, erfuhr
die Kapelle nach dem Bericht der noch vorhandenen Bauakten eine
durchgreifende Veränderung. Die dem Kirchenbau vorgelegten
dreigeschossigen Holzgänge wurden niedergerissen, der spitzbogige
Eingang vom Burghofe her (noch jetzt hinter der Kanzel als Nische
erkennbar) wurde vermauert und beides durch eine im westlichsten
Teil des Kirchenbaues vom Keller aus bis zum Boden hinauf geführte
hölzerne Treppenanlage ersetzt. Der Haupteingang zur Kapelle führte
nun vom Westgiebel des Kirchenbaues ins Innere und zwar zunächst in
das zur Kapelle gezogene Vorzimmer (siehe Seite 370), in dem jetzt die
Ahnenbilder hängen.
Damals wurde auch die Kanzel an ihre jetzige Stelle gerückt; die
beiden Plätze zunächst der Kanzel tragen die Wappen derer von
Einsiedel und derer von Ende. Diese Wappen wurden in dieser Zeit
der Franzosenherrschaft und der Sehnsucht nach der alten deutschen
Kaiserherrlichkeit der Ausgangspunkt einer weitläufigen Sagenbildung.
Das achtungsvolle Verhalten, das Kaiser Karl V., als er sechs Tage
vor der Mühlberger Schlacht in Gnandstein rastete, gegen den frommen
und seinem Landesfürsten getreuen Schloßherrn zur Schau trug, ließ
sich auch ohne geschichtliche Unterlagen weiter ausspinnen. So bildete
sich die Einsiedelsche Familiensage, der Kaiser habe einer an diesem
Tage stattfindenden Hochzeit der Tochter des Burgherrn mit Uz von
Ende beigewohnt und habe die Braut in eigener Person dem Bräutigam
zugeführt. Das ist aber, da doch die Trauung in diesem der Lehre
Luthers längst zugetanen Hause natürlich von einem evangelischen
Geistlichen vollzogen worden wäre, nach allem, was wir von der
Sinnesart des Kaisers wissen, ganz undenkbar. Wenn nun trotzdem eine
geschnitzte Heroldsgestalt des Gestühls der Kapelle auf dem Spruchband
die Bezeichnung trägt: Carl V., so ist diese aus dem Geiste der
Romantik geborene Bezeichnung als eine spätere Fälschung anzusehen,
die vermutlich 1812 hier vorgenommen wurde, als man das Gestühl
ausbesserte, beziehentlich teilweise erneuerte.
Eine andere Gnandsteiner Sage aus der Zeit der Romantik überliefert uns
Fr. Riehle (Sachsengrün ~I B.~ Dresden 1861, Seite 86 f.):
Um 1800 wurde ein Herr von Einsiedel bei einer italienischen Reise
von einer schweren Krankheit befallen. In einem Kloster fand er
Heilung. Der Prior des Klosters erzählte dem Genesenden, vor etwa
hundert Jahren sei ein Herr von Einsiedel im Kloster verstorben und
habe ein Testament hinterlassen, das niemand lesen könne. Diese
Schrift im Alphabet einer orientalischen Sprache schenkt der Prior dem
Gnandsteiner beim Abschied, der nahm sie mit in die Heimat und übergab
sie einem Leipziger Professor zur Deutung. Dieser entzifferte zunächst
das erste Blatt des Pergaments. Auf ihm stand zu lesen, eine Säule der
Kunigundenkapelle (?) in Gnandstein enthalte in einer Höhlung wertvolle
heilige Gefäße. Ferner war eine Stelle im alten Bergfried bezeichnet,
an der ein Schlüssel verborgen sei. Nach der Himmelsgegend zu, nach
welcher der Bart des Schlüssels zeige, liege der Schatz vergraben,
dessen Behältnis mit dem gefundenen Schlüssel zu öffnen sei. Die
bezeichnete Stelle in der Kapelle fand sich, aber sie war leer. Dann
durchbrachen die Maurer die Wand des Bergfrieds und fanden das eiserne
Kästchen mit dem Schlüssel. Aber gerade in diesem Augenblicke war der
Herr von Einsiedel nicht zugegen, und als er kam, war das Kästchen
schon von den Arbeitern verdreht worden, und keiner wußte, nach
welcher Richtung der Bart des Schlüssels gezeigt hatte. Zum Unglücke
war unterdes auch das Pergament bei einem Stubenbrand des Professors
N(obbe?) in Leipzig zugrunde gegangen. Diese Schatzsage entstammt
vielleicht dem romantisch gestimmten Kreise, der sich auf Einladung
Alexanders von Einsiedel und seiner Gemahlin Julie geborenen Kunze,
der Pflegeschwester Theodor Körners (siehe oben) gelegentlich in einem
gemieteten Lokale in Nenkersdorf oder im Jägerhause bei Frohburg oder,
wenn es der Gesundheitszustand des kränklichen Schloßherrn erlaubte,
auch in Gnandstein versammelte. Eine ganz ähnlich gestaltete Schatzsage
lebt noch heute in dem von Zehmenschen Schlosse Stauchitz bei Oschatz.
[Illustration: Abb. 13. =Das Kapellenfenster links vom Marienaltar mit
dem Spruch des Dichters Börries von Münchhausen= (S. 383)]
Zuletzt wurde die Gnandsteiner Kapelle 1922 durch den jetzigen
Schloßherrn wieder aufgefrischt und ihre Ausstattung durch einige
ältere und neuere Kunstwerke ergänzt. Dabei wurden die Wände und Decken
durch eine anspruchslose, an alte Muster aus dem Brandenburger Dom
und an das gotische Rosenmuster einer Schwarzwaldkirche angelehnte
Ausmalung geschmückt (von den Dresdner Kunstmalern Trede und Wendt),
die die Wirkung der trefflichen alten Kunstwerke nicht schädigt,
sondern durch den Ausgleich der Farben zusammenschließt.
Neu hinzu kam das Grabmal der kurfürstlichen Hofmeisterin Madalena
von Einsiedel, die am 11. April 1592 in Altenburg gestorben war. Es
wurde schon 1878 durch den Vater des Schloßherrn aus der dortigen
Bartholomäuskirche nach Gnandstein gebracht, aber erst im Jahre 1922
vom Bildhauer Dietze in der Kapelle wieder aufgestellt. Auch das
nach einem Vorbild in der Sakristei der Klosterkirche zu Reichenau
am Bodensee gebildete Lesepult, ferner der barocke Taufstein mit der
1923 von J. Pilling in Altenburg in Messing getriebenen Taufschüssel,
der alte schmiedeeiserne Kronleuchter bayrischen Ursprungs und
einige andere Ausstattungsstücke gehören nicht zu dem alten Bestand
der Kapelle. Ebenso ist das seitlich vom Annenaltar erhöhte
mittelalterliche Kruzifix erst seit 1922 in der Kapelle. (Abb. 9.) Es
lag vordem unbeachtet auf dem Boden der Dorfkirche, darf aber in seiner
herben Realistik als ein Werk des fünfzehnten Jahrhunderts gelten und
verdient in jeder Hinsicht den Platz, den es jetzt einnimmt.
Auch die Fenster der Apsis haben bedeutende Umgestaltungen erfahren.
Alt und von großer Schönheit sind im Mittelfenster die beiden auf
Glas gemalten Wappen der Einsiedel und der Schenk von Tautenburg, und
das einst über der Kapellentür angebrachte Einsiedelsche Wappen auf
Purpurgrund, das jetzt das vierte Fenster, links vom Marienaltar,
schmückt. Dagegen sind die zu den Füllungen zwischen den Glasmalereien
verwendeten Butzenscheiben zwar alt, aber nicht bodenständig, sondern
erst vom Schloßherrn in jahrelangem Bemühen gesammelt worden. Die
figürlichen Glasmalereien außer den genannten alten Wappen sind neu
und zwar ist die Kreuzigungsgruppe des Mittelfensters die Nachbildung
eines Fensters der Stadtkirche zu Rottweil in Württemberg, die
geschichtlichen Bilder in den Seitenfenstern der Apsis sind von
Professor Jelin, dem Direktor der Kunstakademie in Stuttgart, entworfen
und 1922 in der Glasmalerei Seile in Stuttgart ausgeführt worden.
Das Bild des rechten Fensters zeigt im Anschluß an die oben erwähnte
Sage den Brautzug mit Kaiser Karl V., das Bild des linken Fensters
den Erneuerer der evangelischen Religion Martin Luther, wie er in
der Gnandsteiner Kapelle in Anwesenheit Spalatins vor Heinrich
von Einsiedel predigt. Das Mittelfenster ist vom Schloßherrn »Dem
Andenken seiner Ahnen Hildebrand († 1461) und Heinrich von Einsiedel
(1457–1507)« geweiht, das vierte Fenster, links vom Marienaltar, von
Olbricht in Leipzig gezeichnet und von Stockinger ausgeführt, den in
den Kriegen von 1794, 1813, 1870, 1914 bis 1918 gefallenen Gliedern der
Familie von Einsiedel. (Abb. 13.) Den Spruch für dieses Fenster hat der
Freiherr Börries von Münchhausen, als ihn der Kammerherr von Einsiedel
zur Zeit der Kapellenerneuerung einmal auf Schloß Windischleuba
besuchte und ihm von seinen Plänen erzählte, in rasch geformter
Eingebung also gefaßt:
[Illustration: Abb. 14. =Schloß Gnandstein von Süden, in der Mitte der
es umgebenden Landschaft=]
»Ihrer die Wunden, unser die Narben«,
»Wir leben schwerer als jene starben«.
Dieser Spruch des Dichters ist ebenso herb wie wahrhaftig. Oder könnte
der Druck, der auf den Deutschen unserer Zeit lastet, treffender und
eindrucksvoller bezeichnet werden als durch diese Inschrift? So wird
jeder, der dem Gnandstein und insbesondere auch seiner erneuerten
Burgkapelle eine eingehende Betrachtung geschenkt hat, befriedigt und
innerlich bereichert von dannen gehen und der Schloßherrschaft dafür
dankbar sein, daß sie mit redlichem Bemühen und glücklichem Gelingen
eine altehrwürdige Erinnerungsstätte (Abb. 14 und 15) so schonend
und treu bewahrt und erhält, daß man in ihr durch echte Denkmäler fast
aller Epochen der deutschen Entwickelung, vom Jahre 1000 an bis zur
Gegenwart, schauend und sinnend hindurchschreitet.
[Illustration: Abb. 15. =Schloß Gnandstein mit dem Ausblick nach
Westen=]
Fußnote:
[1] Die Kennzeichen 1–4 hebt außer anderen _Johannes
Hartenstein_ (Sächs. Heimat 1921, 4. Heft, S. 272 f.)
hervor, die Kennzeichen 5 und 6 _Johannes Brückner_, Die
Holzplastik im Greizer Land (Marburger Dissertation 1924),
S. 28 und 34.
Das Herz im Walde
Ein kleines deutsches Krippen- und Sonnwendspiel
Von _Kurt Arnold Findeisen_
Mit vier Zeichnungen von Alfred Hofmann-Stollberg
Dezembernacht gegen Morgen.
Zu beiden Seiten verschneiter deutscher Wald. Kreuzweg mit
einem Meilenstein, dahinter ein schneebedeckter Wegweiser,
der von Wind und Wetter schwarz ist, deutlich gegen den
Himmel gestellt. Ein Stern darüber, der allmählich erblaßt.
_Josef_, ein ärmlicher alter Mann, mit einer erloschenen
Stall-Laterne, auf einen Stock gestützt, kommt gehumpelt.
_Maria_, ihr Kind auf dem Arm, das sie sorglich in Tücher
gewickelt trägt, folgt ihm mühsam.
_Maria_:
Lieber Mann, verhalt’ den Tritt
kann nicht weiter, nicht ein’ Schritt.
Seind zerschlagen mir die Knochen
als wär’ gewandert sieben Wochen,
seind zerrissen mir die Schuh’;
gönn mir ein halbes Stündlein Ruh! –
Will mich an diesen Wegweis setzen
und unser liebes Kindlein letzen.
_Josef_:
Liebes Weib, und hör mich an:
Hier rasten ist nicht wohlgetan;
nimm dein’ letzte Kraft zusammen,
müssen zu guten Leuten kommen,
setz’ dich nicht in Eis und Schnee,
tust uns allen ewig weh!
_Maria_:
Lieber Mann, ich muß mich setzen,
muß unser liebes Kindlein letzen.
Sieh, ich blas den Schnee vom Stein,
soll mir ein feiner Sessel sein.
(Sie setzt sich auf den Meilenstein unter den Wegweiser.)
_Josef_:
Liebes Weib, ich bitt’ dich teuer:
Im nächt’gen Wald ist’s nicht geheuer.
Du erfrierst im kalten Hauch
und unser armes Kindlein auch!
_Maria_:
Lieber Mann, woll’st dich nicht härmen:
Mich tut unser Kindlein wärmen,
fühl nur her, wie’s strahlt und glüht,
wie ein kleiner Sommer blüht.
Komm, dich freißt’s an Haupt und Füßen,
magst sein Gutsein mit genießen.
_Josef_ (rückt neben sie und kuschelt sich an Mutter und Kind,
brummend, schnurrend, buckelnd wie ein alter Kater):
Ei, ei, ei, das liebe Blut!
Sapperlot, wie wohl das tut!
Wie ein kleiner Kachelofen;
traun, ich seh das Türlein offen,
wirft ein hellen Flammenschein
über mein altes Herz herein.
[Illustration]
_Maria_ (verweisend):
Nicht ein Öflein, ein Sönnlein brav!
Sieh, jetzt tut es ab den Schlaf,
stemmt die Füße, hebt die Lider,
schickt die Äuglein hin und wider.
Gott, wie leuchten sie im Kreis!
Lieber Mann, mir wird ganz heiß!
(Es geht ein sanftes Licht von dem Kinde aus.)
_Josef_:
Ei potz Tausend, Mond und Sternel,
als wär’ entzunden das Laternel!
_Maria_:
Schau mir noch die Augen blind.
Josef, ist das unser Kind?
Trau mir nicht mehr, es zu tränken,
mein’, ich könnt’ sein’ Schimmer kränken;
trau mir nicht mehr aufzustehn,
fürcht’, es könnt’ sein Glanz vergehn.
_Josef_:
Bleib allhier, Maria mein,
könnten nicht besser behauset sein!
_Maria_ (drückt das Kind ans Herz und singt versonnen):
Jesulein zart,
von seltener Art,
leucht’ als ein Licht im Hage.
Jesulein lind,
mein goldnes Kind,
wandelt die Nacht zum Tage.
Jesulein zart
von seltner Art
glimmt als ein’ blanke Kerzen.
Jesulein lind,
mein goldnes Kind,
wärmt’ alle Welt mit dem Herzen.
(Josef und Maria kauern versunken. Vom Kinde geht nach wie
vor ein heller Schein aus.)
_Stimme des Meilensteins_ (auf dem die heiligen Eltern sitzen, tief):
Ich, der Stein am Scheidewege,
höre eines Herzens Schläge
meinen Drusen eingeprägt.
_Stimme eines Grashalms_ (mitteltönig):
Ich, ein Gras vom Straßendamme,
spüre eines Herzens Flamme
durch den kalten Wald gefegt.
_Stimme eines kleinen Vogels_ (der plötzlich auf dem Wegweiser sitzt,
hoch):
Ich, ein Piepmatz, halberfroren,
fühle eines Herzens Bohren,
das die ganze Nacht erregt.
_Stimme des Meilensteins_:
Warmes, gutes Herz im Walde,
Sonnenkuß im Felsenspalte,
alle Steine grüßen dich.
_Stimme des Grashalms_:
Warmes, gutes Herz im scharfen
Eiskristall, du Frühlingsharfe,
alle Pflanzen grüßen dich.
_Stimme des Vogels_ (indem er sich unter Mariens Schultertuch duckt):
Warmes, gutes Herz im bleichen
Todesdunkel. Lebenszeichen,
alle Tiere grüßen dich!
_Alle drei Stimmen_:
Heil’ger Herzschlag, Weltenuhr,
dich begreift die Kreatur!
_Maria_ (schlaftrunken):
Lieber Josef, sag, was machst du?
Träumst du, schläfst du oder wachst du?
_Josef_:
Träumte grad’, ich klebte fest
in ein’m warmen Vogelnest.
Frierst du, liebes Weib?
_Maria_:
O nein,
sitz an einem Feuerlein.
Wenn ich nur den Schein verstünde
über unserm lieben Kinde.
_Josef_:
Beste Frau, mich will bedeuchten:
alle kleinen Kinder leuchten.
_Maria_:
Wenn ich nur die Ursach wüßt,
daß es so voll Wunder ist.
Glaub mir, seines Herzens Tönen
spür ich weit und weiter dröhnen,
höre, wie der ganze Wald
leise davon widerhallt,
fühle, wie vor seinen blauen
Augen Eis und Schnee zertauen.
_Josef_:
Liebe Frau, sei unbeirrt,
schlafe, bis es Morgen wird.
Es dämmert grau. Im Umkreis des Kindes, immer weiter sich
verbreiternd, beginnen Eis und Schnee zu schwinden. Der
Wegweiser hebt sich deutlicher vom Himmel ab.
_Ein zerlumpter blinder Bettler_ kommt, von seinem struppigen Hunde
geführt. Er trägt einen schwarzen Schirm über den Augen, den Bettelsack
umgehängt. An seinem Humpelstock ist sein Hund angebunden.
Komm, mein Hund, du Steigbereiter
meiner Blindheit, Hungerleider
aus Beruf und Mitgefühl,
tags mein Stab und nachts mein Pfühl,
komm, mein guter Hund, Gefährte
meiner Bettelwegsbeschwerde,
andre Zeiten führst du mich,
heute führ’ ich einmal dich.
(Unbeirrt auf Mutter und Kind zu.)
Hier ist Helle, hier ist Wärme,
spür’s bis in mein tiefst’ Gedärme,
hier ist Herberg’ aufgetan,
und da spricht der Bettler an.
(Er tastet nach dem Kind.)
_Maria_ (erschrocken):
Josef, Jo –
[Illustration]
_Der blinde Bettler_:
Nur keine Bange,
waches Stimmlein, hold von Klange!
Ich und dieser Hund, wir ziehn
einem Stern nach, der uns schien,
innerlich war er entglommen,
und – nun sind wir angekommen.
_Josef_:
Ja, was wollt ihr?
_Der blinde Bettler_:
Nichts als Milde!
Unwirtlich starrt das Gefilde,
Nacht und Winter, Bettlers Feind;
aber hier scheint’s gut gemeint,
hier ist Heizung, hier ist Helle,
gehn nicht mehr von dieser Schwelle.
(zögernd:)
Seid – ihr – mehr als zwei?
_Maria_:
Wir sind
drei, hier liegt ein kleines Kind.
_Der blinde Bettler_ (voll Freude zu seinem Hund):
Hast du’s auch gehört, mein Alter?
Fehlt nur ein Zitronenfalter
und ein Vogelpiep im Hain,
glaub ich, ’s müßte Frühling sein!
Unter der linken Achselhöhle der Maria trällert der
kleine Vogel. Aus ihrer rechten Achselhöhle kommt ein
Zitronenfalter geflattert, setzt sich auf Bettelmanns Nase,
probt die Schwingen und schwirrt weiter.
_Der blinde Bettler_ (entgeistert):
Vogel singt und Falter fliegen –
(Außer sich:)
Laßt mich in der Sonne liegen!
(Stammelnd vor Entzücken:)
Laßt mich streicheln – Kinderhand –
Wunder – Allmacht – Unterpfand! –
Ich bin blind, jedoch ich sehe:
hier ist Gott in nächster Nähe!
(Er sinkt vor dem Kind in die Knie.)
_Maria_ (zu Josef, der wie betäubt sitzt):
Josef, Josef, hörst du mich?
Mir ist gar so wunderlich.
_Josef_ (sich wendend):
Wunderlich? Ach, meine Gute,
mir ist ganz verquer zumute;
überhaupt – du lieber Schreck! –
hier – und hier – der Schnee ist weg!
Während sie sich voll Erstaunen umblicken und der Bettler
sich zu ihren Füßen mit wohligen Gebärden neben seinen Hund
kauert, kommen
_drei Dorfmusikanten_, vergnügte Seelen, etwas angeheitert,
denn sie haben bis spät nach Mitternacht bei einer Hochzeit
aufgespielt: zwei Fiedeln und ein Kontrabaß, ein Langer,
ein Dünner und ein Dicker.
Inzwischen ist es fast hell geworden. Der Schein des
Kindes, das wieder eingeschlafen ist, ist in Morgenlicht
übergegangen.
_Der erste Fiedler_ (schwankend):
Dunnerkiel, das war ’ne scheene
Hochzeit! Bloß die Wackelbeene!
_Der zweite Fiedler_ (sich die Pelzmütze befühlend):
Ui, mir is mei Kopp fexiert!
Hab’n wir drei nich musiziert?
_Der mit dem Baß_ (sehr wacklig):
Musiziert? Nu ob, ich gloobe.
Und dann kam de Nagelprobe!
(Er lacht selig, die andern stimmen in sein Gelächter ein.)
_Der erste_ (sich betroffen umsehend):
Sagt emal: bin ich verrückt?
Hat uns nich eb’n noch Frost gezwickt?
_Der zweite_:
Frost? Nu freilich! (Sich betastend.) Nas und Ohren!
Aber hier? Wie neugeboren!
[Illustration]
_Der dritte_:
Sapperment! (Schnüffelnd.) Und Blumenduft!
Riecht ihr’sch? Richt’ge Maienluft?
_Der erste_:
Hab ich denn so viel gesoffen?
Sind wir nich im Schnee geloffen?
_Der zweite_:
Schnee? Weeß Gott! Bis zu den Knien!
Mensch, und hier is alles grün!
_Der dritte_:
Ohne Tauwind und Spektakel,
das ’s ja förmlich e Mirakel!
_Der erste_ (die heilige Familie entdeckend):
Und was hockt denn hier zuhauf?
(Die andern treten verdutzt herzu, alle plötzlich nüchtern
und verständig.)
_Maria_ (bittend, mit leisem Vorwurf):
Weckt mir doch mein Kind nicht auf!
_Der zweite Fiedler_ (in täppischer Verlegenheit):
Nee, das woll’n wir nich, behüte. –
(Das Kind betrachtend:)
So ’ne Unschuld, so e Friede!
_Der erste_:
Und die hübschen kleenen Patschen!
_Der zweite_ (ihn zurechtweisend):
Tu’s doch nich so derb antatschen!
_Der dritte_:
He, laßt mich nur ooch mal ’ran,
(Zu Josef:)
’samster Diener, guter Mann!
_Der erste_ (in plötzlicher, nachträglicher Höflichkeit vor Maria und
Josef die Mütze abnehmend):
Kompliment!
_Der zweite_ (ebenso):
Ich hab de Ehr’.
(Den Bettler und den Hund bemerkend):
Hoi, hier hauchen ja noch mehr.
_Der Bettler_:
Achtet nicht des alten Blinden.
(Nach dem Kind hinweisend:)
Dort ist euer Heil zu finden.
_Der erste Fiedler_ (durch den Liebesanhauch des Kindes erwärmt):
Wart’ emal, – das wär’ noch scheener –,
wer gesund, wie unsereener,
kann schon mal ’en Pfeng entbehr’n
und den Armen was bescher’n.
(Er langt dem Bettler Geld hin.)
_Der zweite_:
Stimmt, wir lassen uns nich lumpen;
komm, ich werd’ dir ooch was pumpen;
Hochzeitsvater hat spendiert –
(Er schüttet dem Bettler einen Beutel Geld in den Schoß.)
Immerzu und nich scheniert!
_Der dritte_:
Na, bei soviel guten Gaben
muß das Hundchen ooch was haben;
da ’en Zippel Leberwurscht
und ’ne halbe Gänsebrust.
(Er füttert den Hund.)
_Der Bettler_ (segnend):
Gott vergelt’s, ihr wackern Leute:
Wahrlich: Feiertag ist heute!
_Maria und Josef_ (gerührt):
Gott vergelt’s euch, gute Herrn!
_Der erste Fiedler_ (immer mehr entfacht):
Ha, das tut mer doch ganz gern! –
Wenn mer nur was Hübsches wüßt’
für den kleenen Strampelchrist.
_Der zweite_:
Hast ooch recht. Und nich zu wenig!
Stehn da wie die heil’gen Dreikönig’,
müssen ’s Kindel nu bedenken
und ihm was Gehörig’s schenken.
_Der dritte_:
Sind wir denn nich Musici?
Bring’n wir ihm e Ständchen. Wie?
_Der erste_ (begeistert):
Mensch, das haste fein erdacht,
gleich geht’s los!
_Der zweite_ (mit Entschiedenheit):
Das wird gemacht!
Sie stellen sich umständlich auf und kratzen und schaben
mit Andacht eine schlichte, sanft heitere Musik, die dem
Liede der Maria ähnlich ist. Während sie spielen, schwingt
sich der kleine Vogel auf einen Baum und fängt inbrünstig
zu singen an. Eine Wolke gelber Schmetterlinge kommt
geflogen und umtanzt die Fiedelleute, sich dann und wann
auf den schwirrenden Saiten niederlassend.
Wie die Musikanten stolz geendet haben, steht der Wald
frühlingsfrisch und grün. Wolken wandern. Auf den Wegweiser
fällt helles Morgenlicht.
_Maria_ (die versonnen lächelnd und über das Kind gebeugt gelauscht
hat, steht rasch auf, mit ernstem Angesicht):
Josef, komm, ’woll’n weiterziehn,
viel Wunderliches ist gediehn.
Bin zwar froh, doch klopft mein Herz,
an der Freude zupft ein Schmerz.
Mein’, unser Kindlein, kaum geboren,
zu schweren Dingen ist’s erkoren;
können’s nur noch nicht verstehn.
Josef, komm, woll’n weitergehn.
_Josef_ (nickt ihr nachdenklich zu, wendet sich zu den Spielleuten):
Dank euch, war ein braves Stück.
Müssen weiter!
_Die Musikanten_:
Bleiben nicht zurück.
_Maria_ (die sich ebenfalls gewendet, umfängt, das Kind an sich
gedrückt, mit grübelnden Augen den Platz, auf dem sie gesessen hat. Wie
sich ihr Blick zu dem Wegweiser hebt, schreit sie auf: Er steht da,
mit schwarzgespreizten Armen gegen den hellen Morgenhimmel, starr und
unerbittlich wie ein Kreuz):
Josef, sieh, ein schwarzes Kreuz,
Lieber, das bedeut’ was Leids.
Um unser Kind ist mir so bang:
sorge mich, es lebt nicht lang!
[Illustration]
_Josef_:
Komm, ’s geht alles seinen Gang.
_Der blinde Bettler_:
Arme Mutter, laß das Härmen:
Was den kalten Wald tut wärmen,
heil’ge Wintersonnenwende,
ist ohne Anfang, ohne Ende.
Stehn wir auch noch blind und fern:
Ewig ist das Herz des Herrn!
Maria geht mit dem Kinde langsam dahin, kopfschüttelnd.
Josef folgt ihr. Hinterdrein schreiten die Musikanten, die
eine getragene Weise spielen. Den Beschluß macht der Blinde
mit seinem Hund.
Zuletzt ragt nur noch hoch das Kreuz. Oben drauf sitzt, von
der Morgensonne beschienen, der kleine Vogel und jubiliert.
Beim Türmer in Marienberg
Von _Martin Schmidt-Breitung_
Mit Aufnahmen des Landesvereins Sächsischer Heimatschutz
Von welcher Seite du auch unser Marienberger Stadtbild schaust, ob von
den Wäldern des Reitzenhainer Gebirgskamms, vom geschlängelten Tale
des Schlettenbachs, in dem dich die Bahn aus dem Niederland zu uns
heraufbringt – ja, von den die Stadt überragenden Höhen im Westen, die
du beim Anwandern von Wolkenstein und Zschopau überwinden mußt – immer
grüßt dich als Wahrzeichen der allein beherrschende, im weiten Achteck
unverjüngt bis zur Zwiebelkuppel aufgeführte Turm der Stadtkirche. Kein
Fabrikschlot, keine unmäßige Mietskaserne verschandelt bis zur Stunde
das Bild des alten Stadtkerns. Der zierliche Uhrturm des Rathauses hat
vor allem verständig-bescheiden Maß und Linie gewahrt, so daß auch er
als Nebenbuhler sich nicht vordrängt. Er weiß, der große Kirchturm muß
ihm anderwärts doch parieren, denn die Rathausuhr schlägt nach altem
Herkommen die Stunden vor, ehe die Kirchglocke mit tieferem Baß die
Zahl wiederholen darf.
[Illustration: Abb. 1. =Marienberg, von Osten gesehen=]
Aber wie wir nun unmittelbar vor der wuchtigen Stadtkirche stehen
und in der Morgensonne zum Turme hinauflugen, da erkennen wir ja
Fenster einer Wohnung dort oben und eine kleine Ziegelesse, die die
Schieferhaube zaghaft durchbricht. Die offene Treppentüre braucht
darum nicht lange auf uns zu warten und entdeckerfreudig klimmen wir
die breiten, steinernen Wendelstufen hinan. An die dreihundert Stufen
haben wir hinter uns, als wir am Ende des Treppenturms angelangt
sind. Nun geht es schmälere Holzstiegen hinan, vorbei an den Glocken,
bis auf unsern Anruf sich über unsern Köpfen eine Dielentüre öffnet
und wir, man kann es ruhig heute sagen, ins Märchenreich einer alten
Türmerwohnung treten!
[Illustration: Abb. 2. =Marienberger Stadtkirche=, vom Marktplatz
gesehen]
Wohl ragen noch aller Orten die Glockentürme im Land. Aber sie haben
ihre frühere Alleinherrschaft, der politischen Entwicklung folgend, oft
mit zahllosen anderen Großhäuptern teilen müssen, die meist wenig von
ihrer inneren Art haben: Rathaustürme, qualmende Fabrikschlote, Silos,
Krane und bald Wolkenkratzer amerikanischen Geistes. Aber schlimmer
noch – die neue Zeit hat die Turmwarte, die Jahrhunderte ihres schönen
Amtes walteten, entbehrlich gemacht. Elektrische Alarmwerke rufen jetzt
bei gemeiner Feuers- und Wassergefahr die Wehren zusammen, mechanische
Kunst läßt die Uhren schlagen und Glocken läuten. Und so mag bald
in unserem Lande die Zeit kommen, wo der letzte Türmer seines Amtes
gewaltet haben wird und abermals ein Denkmal heimatlicher Romantik
dahingegangen ist …
[Illustration: Abb. 3. =Die Bergstraße in Marienberg=]
In der Behaglichkeit des Wohnzimmers, in das wir zuerst von dem
durchaus nicht beengten Vorraum treten, der sogar ein Gastbette birgt,
schweigen vor der lebendigen Gegenwart alle diese Empfindungen. Ein
munterer Zeisig und ein Kreuzschnabel bewillkommnen uns seltene Gäste.
Die dicken Außenwände des Turmes bieten jedem Wetter wacker Trotz
und der Knick im Zimmer – zwei Seiten des Achtflächners gehören ihm
– schafft ein desto traulicheres Gehäuse. Die kräftige Hausfrau, der
das Treppensteigen ebenso wie allen anderen Familiengliedern gut zu
bekommen scheint, waltet gerade am Herde ihres Amtes. Die Quellen der
städtischen Wasserleitung liegen so hoch, daß das Wasser noch eben
hier oben läuft. Holz und Kohlen werden mit der Winde, deren Holzarm
man schon im Mittelflächner von unten gewahrt, heraufgezogen. »S is
itze grade Lichtmeß im Hulze«, meint der Hausvater, »de Feiertog
werd neies rankomm!« – An der Wand hängt das Horn des Türmers, eine
blecherne Tuba. Ihr Äußeres zeigt, daß sie manchem Geschlechte schon
gedient hat. Mit einem: »Versuchens ner mal!« reichts uns der Meister
unbefangen zum Blasen hin. – In der Nacht wird jede Viertelstunde,
volle Stundenschläge ausgenommen, darauf zum Fenster hinaus stadtwärts
geblasen: ein einziger, hoher Ton – zum Zeichen, daß der Türmer seines
Amtes waltet und alles in Ordnung befunden hat. Wie streng hierüber
gewacht wird, zeigt folgendes Geschichtchen, das wir am besten so
wiedergeben, wie es in den Akten des Stadtrates zu lesen ist:
»933 ~IA.~ Marienberg, am 21. XI. … wird bemerkt, daß der
Türmer in der Nacht vom 20. zum 21. ds. Ms. um 4 Uhr früh
die Stunde nicht angeschlagen, auch, und ¼, ½ und ¾ fünf Uhr
entgegen § 1 seiner Dienstanweisung das Hornzeichen nicht
gegeben hat«.
(Unterschrift)
Beschluß vom 21. XI. …
Zur verantwortlichen Auslassung an den Türmer, Herrn …
Marienberg, 22. XI. … An den Stadtrat.
Zur Beantwortung vorstehender Bemerkung habe ich folgendes zu
berichten:
Daß ich am 21. früh 4 Uhr nicht angeschlagen haben soll, ist
nicht zutreffend. Jedenfalls ist es von meinem Ankläger nicht
gehört worden, weil wegen Westwindes die Schalläden geschlossen
waren.
Dagegen ist es richtig, daß ich die erwähnten Hornzeichen nicht
gegeben habe, aber trotzdem wachsam sein mußte, schon wegen des
5-Uhr-Läutens. Ich leugne auch gar nicht, daß ich mir in dieser
Beziehung zuweilen Einschränkungen eigenmächtig erlaubt habe,
die in Umständen zu suchen sind, die anzuführen ich jederzeit
mündlich oder schriftlich bereit bin. Ich versichere, daß ich
das infolge dieses Vorkommnisses vielleicht gesunkene Vertrauen
meiner vorgesetzten Behörde durch erneute Aufmerksamkeit und
Wahrnehmung meiner Dienstpflicht wieder zu erreichen bestrebt
sein werde.
Hochachtungsvoll
(Name), Türmer.
Beschluß vom 23. XI. … Herrn Türmer … zur Kenntnis vorzulegen,
daß der Unterzeichnete der »Ankläger« ist.
Im übrigen soll es für diesmal bei der Ausführung bewenden usw.
(Name des Bürgermeisters.)
23. XI. … Vom Vorstehenden Kenntnis genommen.
(Name), Türmer.
[Illustration: Abb. 4. =Haus Nr. 14 der Bergstraße in Marienberg=]
Jetzt waltet ein Nestler, aus dem nahen Großrückerswalde gebürtig,
seines verantwortungsvollen Amtes. Außer dem besonders nachts
ununterbrochenen Rundgang hat er die in der Turmspitze hängende kleine
Glocke zu folgenden Zeiten zu läuten: Früh 5 Uhr, vormittags 11 Uhr,
mittags 12 Uhr, abends 7 und 8 Uhr. Das 11-Uhr-Läuten trägt dem Brauch
der Bauern Rechnung, um diese Zeit Mittag zu halten, da sie ja ihr
Tagewerk schon so früh beginnen. Aber auch die vollen Stunden muß er
selber anschlagen. Um diese Zeit ist das Fenster nach der Marktseite
geöffnet und sobald es dort ausgeschlagen hat, beginnt der Nestler
gewichtig zählend seinen Glockenstrang vom Vorraum seiner Wohnung zu
ziehen. Welche Verwirrung im Tageslauf der Marienberger, wenn er sich
einmal verzählen sollte!
[Illustration: Abb. 5. =Marienberger Rathausportal=]
Nun aber gilt es Ausschau zu halten. Wir klimmen noch eine Stiege höher
und sind im gebälkereichen Boden der Türmerwohnung. Da läßt es sich gut
Wäsche trocknen!
[Illustration: Abb. 6. =Das Zschopauer Tor in Marienberg mit Rest der
Stadtmauer.= (Im Vordergrund ein geschickt angeschlossener elektrischer
Transformator)]
Unser erster Ausblick aus dem Fensterkranz geht nach dem Markte der
Stadt. Welche ganz ungewöhnliche Größe für diese Bergstadt, deren
Kern heute, vierhundert Jahre nach der Stadtgründung, nicht mehr als
fünftausend Seelen zählt! Dem Gründer Marienbergs, Herzog Heinrich
dem Frommen, dessen Standbild den Platz ziert und das Mittelpunkt aller
Marktveranstaltungen ist, wird nach dem Beispiel Freibergs eine größere
Zukunftsstadt vorgeschwebt haben. Wir freuen uns jedenfalls heute
dieses großen, lindengesäumten Freiplatzes, dem freilich die Stadt, das
gilt besonders von dem erfreulicherweise vorhandenen Marktbrunnen, eine
etwas liebevollere Pflege durch Blumenschmuck angedeihen lassen könnte.
[Illustration: Abb. 7. =Ausblick vom Kirchturm nach dem Marienberger
Markt und der Zschopauer Straße=]
Nächstdem zieht die breite Zschopauer Straße mit ihrem köstlichen
Stadttore unsere Blicke auf sich. Noch heute steht dieses Tor am
eigentlichen Eingang (Nordwest) der Stadt und seine Maße waren
weitschauend genug gewählt, daß in unsern Tagen die großen gelben
Wagen der Kraftwagenlinie Wolkenstein–Olbernhau ohne Gefahr passieren
können. Ja, zu abendlicher Stunde ergibt sich aus solcher Durchfahrt
ein köstliches Bild:
In das spärliche Licht der Straßenlaternen fällt auf einmal die
blendende Helle der Scheinwerfer eines Kraftwagens und je näher diese
Lichter dem Tore kommen, desto wuchtiger tritt es aus dem Straßenbilde
hervor, bis die Lichtbahn sich mehr und mehr in die Toröffnung
zusammenzieht, schließlich in dieses Dunkel einen goldenen Kegel
zaubert, um dann unvermittelt nach der Durchfahrt alles wieder in
seinen Märchentraum versinken zu lassen …
Aber jetzt wandern unsere Blicke aus luftiger Höhe ins Weite! Da
grüßen als Wahrzeichen des schon Ende des vorigen Jahrhunderts
zur Ruhe gegangenen Bergbaues die mehr und mehr baumbestandenen,
umbuschten Halden von Lauta und Lauterbach. Nach Sonnenaufgang
blinken auf luftiger Höhe die Häuser der Stadt Zöblitz mit ihren
Serpentinsteinbrüchen, gen Nordosten geht der Weg ins Niederland
durchs waldgesäumte, felsumragte Pockautal und nach der Grenzseite
liegen die ausgedehnten Wälder der Reitzenhainer Reviere. Eben
faucht in weitausholendem Bogen ein Güterzug bergan nach Gelobtland,
ein etwa dreiviertel Wegstunde vom Stadtkern abgelegener Ortsteil
Marienbergs. Der biblische Name, ebenfalls ein Zeuge vergangener
Bergbauherrlichkeit, lockt dich in anderem Sinne auch heute nicht
unbelohnt in sein waldumschirmtes Hochland.
An Großartigkeit freilich können sich diese Bilder nicht messen mit dem
Ausblick nach Süden und Südosten. Der Pöhlberg (830 Meter) erscheint
in seinem langgezogenen Kamm wie die schirmende Bastion Annabergs.
Links davon, ganz zart in bläulichen Konturen, grüßt das Massiv des
Fichtelberges. Noch einmal so hoch, als unsere Gebirgsstadt über dem
Meeresspiegel liegt, gilt es zu steigen, um jenen stolzen Gipfel
unseres Erzgebirges zu gewinnen.
Das Gesamtbild vor unseren Augen ist ein echtes Stück sächsischen,
waldreichen Kammlandes – in seinen Hauptlinien noch nicht zerrissen von
geschlossenen, großen Ortschaften, noch nicht bestimmt von rauchenden
Essen gewaltiger Industriezentren, sondern ausgedehnte Wälder umsäumen
kleine Siedlungen, die bald am schirmenden Berghang eingenistet, bald
auf zugiger Höhe weithin verstreut liegen.
Unser Führer braucht keine Landkarte. Jedes Gehöft ist ihm vertraut.
Er weiß zu erzählen, wie da und dort einmal ein Brand ausgekommen;
aber auch für die verschiedenen Bilder der Jahreszeiten, der Tag- und
Nachtstunden, der Sonne- und Sturmeswetter findet er seine schlichten
Worte. »Wanns när recht verwerrt zugieht, is es am schänsten«, gibt er
zur Antwort auf unsere Frage, ob es bei Wind und Gewitter nicht oft
recht ungemütlich hier oben sei.
Die rote Fahne an langer Stange wird tagsüber zu der Seite
rausgehangen, nach der ein Brand gesichtet worden ist. Bei Dunkelheit
erscheint an Stelle der Fahne eine große, altväterische Laterne mit
roten Scheiben. Zudem ist ein dickbauchiges Horn vorhanden, durch das
der Türmer seine Wahrnehmungen unten nach der Straße verständlich
machen kann, wenn schon dieses Horn jetzt durch den Fernsprecher meist
entbehrlich wird.
[Illustration: Abb. 8. =Türmer Nestler beim Ausblick nach der Stadt=]
Eine alte Eisenbahner-, eine Infanterie- und eine Jägermütze, die
beiden letzten mit ergänzter weicher Blende, alle drei von Bekannten
geschenkt, geben dem an Körperlänge kleinen Wächter der Stadt
doch eine gewisse amtliche Würde. Und er weiß uns zu erklären,
wie jede Kopfbedeckung einer anderen »Funktion« dient: die steife
Eisenbahnermütze ist natürlich für den Ausgang in die Stadt, aber die
weite Infanteriemütze kann man hübsch mit über die Ohren ziehen, wenn
man in kalter Nacht seinen Umgang zu halten hat!
Auf der höchsten Turmspitze, zu der immer steiler und schmäler die
Holzstiegen führen, hängt jetzt die Glocke, die ehedem bei Kindtaufen
geläutet wurde und die daher den Spruch trägt: »Lasset die Kindlein zu
mir kommen und wehret ihnen nicht, denn solcher ist das Himmelreich«.
Alle anderen alten Glocken sind der Kriegszeit zum Opfer gefallen,
diese kleine silberne Glocke, Anfang des siebzehnten Jahrhunderts
gegossen, hat die Zeiten überdauert und läutet nun Morgen, Mittag und
Abend von ihrer luftigen, einsamen Höhe (64 Meter).
»Ja, ja«, meint der brave Nestler abschließend, »Törmer, das hob ich
mir schu immer gewünscht, all mei Lebtag. Hier hat mer sei Ruh – da
kimmt mir kee Hauswirt zu nahe un mer hat aa ken Menschen noch über
sich als när den lieb’n Gott!«
Glückliche Seele! Du stehst wirklich über vielen von uns, die da
unten hasten und jagen, die kaum einen Blick einmal über sich und um
sich tun. Und du erfaßt in deiner Art ohne viel Umschweife, was für
ein köstlich Amt dir gesetzt ist, über deiner Stadt emsig zu wachen,
allen Schaden von ihr und ihrem Umkreis nach Möglichkeit zu wehren,
die rechten Stunden allem Tagewerk und allen Festen zu schlagen, zum
Gotteshaus zu rufen, zu Brautfahrt und zu seligem Heimgang deiner
Mitbürger fröhlich wie tröstlich die Glocken zu läuten …
Urnen- und Gefäßfunde in Meißen-Zaschendorf
Von Polizei-Oberleutnant _Fritz Göhler_
(Mit zwei Aufnahmen des Verfassers)
Die Urnen- und Gefäßfunde in Weinböhla vom vorigen Jahre sind noch in
bester Erinnerung. Glücklicherweise hat das Eingreifen staatlicher
Organe die dort gefundenen Schätze in größerem Umfange geborgen.
Weniger bekannt dürften die Funde sein, die in dem etwa eine halbe
Stunde von Weinböhla entfernten Zaschendorf, das der Stadt Meißen
einverleibt ist, gemacht worden sind.
Unmittelbar am Ostausgang von Zaschendorf hat der Gärtnereibesitzer
Schönfeld sein Anwesen. Zaschendorf liegt am Fuße des mittleren Teiles
des Spaargebirges, geschützt gegen Nord- und Nordwestwinde. Hinter den
Gärtnereigebäuden, die an dem Wege nach Niederau liegen, ziehen sich
die gärtnerischen Anlagen hin und stoßen am Ende der Gärtnerei an einen
Bach, der noch innerhalb des Schönfeldschen Grundstückes durch einen
künstlich erweiterten Teich fließt, der für Pflanzenfreunde sehenswert
ist. Die Ländereien hinter den Gebäuden sind nicht eben, vielmehr zieht
sich eine kaum wahrnehmbare Geländewelle durch das Grundstück und diese
Geländewelle barg den letztgehobenen Schatz. Vielerlei Gründe lassen
mich als Laien ahnen, warum in die sanfte Welle die Gefäße eingegraben
wurden. Die Geländewelle besteht nämlich aus Sand. Ob die Gefäße auch
dann dort eingegraben worden wären, wenn die Erdwelle aus schwerem
harten Tonboden bestünde, der sonst in dieser Gegend so überaus häufig
vorkommt? Ich glaube es nicht.
Ein Zufall brachte die Gefäße zutage. Beim Rigolen eines Feldstückes
stieß man in der Tiefe von fünfzig bis sechzig Zentimetern auf Scherben
und förderte zunächst drei gut erhaltene Urnen, mehrere tassenähnliche
Gefäße, in denen die gleichen Gefäße in verkleinertem Maßstabe
enthalten waren, ans Tageslicht. Aus einem größeren Scherbenhaufen
gelang es mir, noch zwei Schüsseln, die mit je einem Henkel versehen
sind, zusammenzustellen. Da die Urnen verbrannte und ausgeglühte
Knochenteilchen enthielten, unterliegt es keinem Zweifel, daß man es
mit einem Gräberfeld zu tun hat.
[Illustration: Abb. 1. =Höhle, in der die Gefäße verborgen lagen=]
Diese Funde sind nicht die ersten, die auf dem Schönfeldschen
Grundstück gemacht worden sind. Schon vor Jahren hat Herr Schönfeld
einen sehr reichen Fund gemacht, der restlos in Privathände
übergegangen ist. Man darf annehmen, daß es sich bei den Zaschendorfer
Urnen- und Gefäßfunden um einen Begräbnisplatz einer größeren Siedlung
handelt. Zu dieser Annahme berechtigt auch die Angabe des Herrn
Schönfeld, der beim Umgraben einer Feldparzelle auch einen großen
Brandplatz freigelegt hatte, von dem aber heute leider nichts mehr,
auch keine Photographie, erhalten geblieben ist.
Es lohnte sich meines Erachtens sehr, wenn mit dem Besitzer des an das
Schönfeldsche Grundstück angrenzenden Feldes in Verbindung getreten
würde und die Ausgrabungen in östlicher Richtung – und zwar vom Fundort
der letzten Ausgrabungen beginnend – weitergeführt würden. Es steht
zu erwarten, daß sich genügend freiwillige Helfer finden würden, die
unter sachkundiger Leitung die erfolgversprechenden Ausgrabungsarbeiten
unternehmen.
Damit die Fundstelle nicht das Schicksal ereilen sollte, das der
sicherlich interessante und aufschlußreiche Brandplatz gefunden hat,
habe ich vor dem Rigolen von der historischen Fundstelle einige
Aufnahmen gemacht.
[Illustration: Abb. 2. =Der Gefäßfund aus nächster Nähe=]
Die Abbildung 1 zeigt die Höhlung unter dem lockeren Ackerboden, in
der die Gefäße verborgen lagen. Auf dem umgestürzten Pflanzkasten
stehen drei größere Urnen mit verschiedener Ornamentik und eine
kleine Urne. Davor sind vier größere tassenähnliche Gefäße und drei
kleinere aufgebaut, die in der Form den größeren gleichen, und die in
die größeren Henkeltöpfchen hineingelegt waren. Vor dem Kasten liegen
große Scherben mit Henkeln und Ornamenten versehen, aus denen später
noch einzelne Stücke gebildet werden konnten. Die links und rechts
des Kastens niedergelegten Steine haben vermutlich als Seiten- und
Dachplatten für die Urnenkammer gedient.
Die Abbildung 2 zeigt den Gefäßfund aus nächster Nähe. Besonders
auffällig ist das kleine Henkelschälchen und das kleine,
zuckerschälchenähnliche Gefäß, das am Rande ein eingebohrtes Loch von
etwa drei Millimetern Durchmesser aufweist.
Leider hat die Zeitungsmitteilung und die Ausstellung der Bilder von
dem Funde noch nicht den Erfolg gehabt, daß weitere Ausgrabungen
vorgenommen worden sind. Und doch steht zu erwarten, daß hier ein den
Weinböhlaer Funden ebenbürtiges Ergebnis die Ausgrabungsarbeiten reich
belohnt. Zur weiteren Erforschung der Besiedlung unsrer Heimat wäre
eine systematische Durchsuchung des Geländes unter fachkundiger Leitung
von jedem Heimatfreunde zu wünschen.
_Anmerkung_:
Das Gräberfeld gehört in die Kultur der älteren vorrömischen
Eisenzeit. Die Gefäße zeigen den für diese Zeit
charakteristischen Billendorfer Typus. – Wenn auf meine Orts-
und Fundbesichtigung vom 30. Juni 1926 bisher an dieser Stelle
keine Grabung erfolgen konnte, dann liegt der Grund darin, daß
ich vom 19. Juli an bis zum 23. Oktober in Köllmichen bei der
teilweisen Abtragung des dortigen slawischen Walles beschäftigt
war. So lange seitens des Staates nicht die erforderlichen
Mittel bewilligt werden, wie sie zur Anstellung von
wissenschaftlich vorgebildeten Hilfskräften erforderlich sind,
so lange ich zu allen Arbeiten sowohl für das Museum als auch
ganz besonders für die Inventarisation der urgeschichtlichen
Altertümer des _ganzen_ Landes allein tätig sein muß, so lange
wird es vollkommen unmöglich sein, alle Fundnachrichten durch
eine Grabung weiter zu verfolgen, wie es an sich notwendig und
auch mir selbst am meisten erwünscht wäre. Ich möchte an dieser
Stelle mit allem Nachdruck betonen, daß weder die mit der
Inventarisation der urgeschichtlichen Altertümer beauftragte
Dienststelle noch mich auch nur ein kleiner Teil Schuld daran
trifft, wenn im Laufe jeden Jahres unzählige Überreste der
Vorzeit verkommen müssen und unerkannt für die Wissenschaft
verloren gehen. In bezug auf die Erwähnung der Weinböhlaer
Funde aber will ich den Verfasser des Artikels damit trösten,
daß die siebenunddreißig Kisten Ausgrabungsergebnisse von
Weinböhla heute noch ganz genau so in ihren Kisten schlummern,
in denen sie seiner Zeit hereintransportiert worden sind.
Und das aus dem Grunde, weil die Zeit zur Bearbeitung bisher
gefehlt hat und weil die katastrophale und nachgerade
unerträgliche Raumnot im Museum in Verbindung mit den baulichen
Arbeiten _jede_ Arbeit unmöglich macht, zu der irgendwie Platz
erforderlich ist.
Dr. Georg Bierbaum, Archiv urgeschichtlicher Funde aus Sachsen.
Wo die Sage raunt
Eine Anregung von _F. Sieber_
Es ist eine eigene Sache um das Leben der Sage. Seit fünfundsiebzig
Jahren etwa wird sie von den Volkskundlern für tot gesagt, seit
fünfundsiebzig Jahren etwa sprechen sie in den Aufrufen zur Sammlung
von Sagen von der berühmten zwölften Stunde.
Und doch, bei näherem Hinsehen zeigt sich, daß die Sage lebendig blieb,
daß sie lebendig blieb bis heute. Freilich haben die Volkskundler
in einem recht gehabt: Die Volkssage hat in den letzten Jahrzehnten
starke innere Umbildungen erfahren. Wann dieser Vorgang einsetzte?
Das ist in Jahreszahlen schwer festzuhalten. Ganz allmählich wächst
einer nach dem andern, ein Volkskreis nach dem andern, heraus aus den
Anschauungsformen der urtümlichen Gemeinschaft. Manche lösen sich ganz
los von diesem ihren Heimatboden, andere stehen noch mit einem Fuße
darin, wieder andere beginnen sich mit erstem schüchternem Griffe zu
entstricken. Dieser Vorgang des Herauswachsens aus dem Bannkreis der
urtümlichen Gemeinschaft ist bis heute noch nicht abgeschlossen. Auch
unter uns gibt es noch den Primitiven.
Der Vorgang setzt für weitere Volksschichten etwa ein mit der
Reformation. Er schwillt beträchtlich an zur Zeit der Aufklärung. Ein
Halberstädtischer Bauer sagte in den vierziger Jahren des vorigen
Jahrhunderts den beiden norddeutschen Sammlern Kuhn und Schwartz: Der
alte Fritz hat die Zwerge verjagt, Napoleon hat allen Spuk aus dem
Lande vertrieben. Nach der Gegenwart zu steigert sich der Vorgang des
Herauswachsens zu außerordentlicher Geschwindigkeit. Das Zeitmaß in
den einzelnen deutschen Landschaften ist verschieden. In Sachsen ist
ein besonderer Unterschied innerhalb der einzelnen Landschaften kaum
spürbar.
Dieser Vorgang des Sichlösens mußte natürlich das Wesen aller
Volksüberlieferungen tief berühren. Die Treue der Überlieferung
wird erschüttert. Schwierigere Überlieferungen, die Anforderungen
an das Gedächtnis stellen, verkümmern. Die organische Lagerung
der Überlieferung, die als ein durchaus Sinnganzes zu werten ist,
wird verschoben. Stücke wachsen ineinander und verschmelzen, die
ursprünglich einander fremd waren. Entstellung und Verzerrung auf
allen Seiten. Der üppige Wuchs der Überlieferung, der einige deutlich
erkennbare Hauptstämme umrankte, wurde zur wirren, ungegliederten
Hecke. Glaube wurde zum Aberglauben. Die primitivsten Züge, da sie am
sinnlichsten, am einfachsten sind, blieben oft erhalten. In diesem
Zustande befindet sich die heutige Volksüberlieferung.
Die Entwicklung, die wir kennzeichneten, ist mit der gesamten geistigen
Entwicklung der letzten Jahrhunderte unlöslich verbunden. Aber auch
von der rein zivilisatorischen Seite der Lebensentwicklung her droht
der Volksüberlieferung die größte Gefahr. Beschränken wir uns auf das
Gebiet der Sage.
Die zivilisatorische Umbildung der Landschaft und der mittelalterlichen
Architektur raubte der Sage ihre natürliche Grundlage. Denn die
Sage ist tief im Boden verwurzelt. Diese ihre Bodenständigkeit ist
eine ihrer wertvollsten Eigenschaften, die sie in der Erziehung zum
heimatlichen Menschen zu einem hervorragenden Bildungsmittel erhebt.
Aber die erwähnte zivilisatorische Entwicklung ist heute dabei, die
Sage zu entwurzeln und heimatlos zu machen. In der volksläufigen
Überlieferung werden die Sagenörtlichkeiten allmählich vergessen. Wer
aber weiß, mit welch’ bewundernswerter Treue die Sagenörtlichkeit
Jahrhunderte hindurch in der Überlieferung festgehalten wurde, wer
weiß, in wie vielen Geschlechtern durch diese Stätten und den damit
verknüpften Glaubenswert die Heimat zu einer geradezu metaphysischen
Gegebenheit erhöht wurde, der kann auch ermessen, welch’ großer Verlust
unserm Volkstum hier droht.
Und darum wende ich mich an den Heimatschutz. Der Heimatschutz hat für
die Erhaltung natürlicher, unberührter Landschaftsgebiete, für die
Erhaltung vorgeschichtlicher und geschichtlicher Denkmale aller Art
seine Kräfte eingesetzt. Soll uns aber der im Boden festgewachsene
Volksglaube verloren gehen? Die geschichtlichen Denkmäler sind
überwiegend dem hochkultivierten Geiste der Volksgemeinschaft
entsprungen. Sie müssen selbstverständlich geschützt werden. Aber
sollen uns die Örtlichkeiten, Landschaft und Bauwerk gleichermaßen, an
die sich der Glaube unsrer Ureltern rankte, die für sie Anhaltpunkte
ihres metaphysischen Erlebens waren und in diesem Sinne neben den
Kirchen als Kultstätten zu werten sind, sollen diese Örtlichkeiten
tatsächlich der Vergessenheit und unwiederbringlicher Zerstörung
anheimfallen? Wollen wir die Bildungswerte, die in diesen Stätten für
die Erziehung zur Bodenständigkeit liegen, ungenutzt verkümmern lassen?
Nein, so reich an heimatlichen Werten sind wir nicht.
Und so bitte ich den Heimatschutz: Breite deine schützende Tätigkeit
auch auf die Sagenstätten aus! Schaffe uns ein Anschauungsbuch unseres
bodenständigen Volksglaubens! Wir werden in stiller Betrachtung dieses
Anschauungsbuches die Schauer nachempfinden können, die unsere Ureltern
an diesen Orten empfanden. Wir werden uns in die seelischen Grundlagen
einfühlen können, aus denen heraus ihr Glaube entsprang. Uralte
Wesensgründe, die in der Hast der Tage in uns verfallen, werden offen
bleiben. Wir werden groß und riesig empfinden das Wirken der ewigen
Kräfte der Natur, wir werden schauernd stehen vor dem Geheimnis des
Lebens. Unsere heimische Landschaft, für uns nur belebt aus der Fülle
oder Dürftigkeit der Einzelseele heraus, wird gleichsam objektives
metaphysisches Leben in sich tragen.
Und wie ich mir die Herstellung eines solchen Anschauungsbuches denke?
Der Heimatfreund und Liebhaberphotograph hält die Sagenstätte im
Lichtbilde fest. Doch ehe er das tut, muß er sich in die Sage, die an
der Örtlichkeit haftet, mit aller Kraft seelisch einzufühlen versuchen.
Er wird den Waldstreifen, durch den der wilde Jäger zieht, nicht
photographieren im stillen Glanze eines Sommertages, nein, wenn zu den
Zeiten der Tag- und Nachtgleiche in der Dämmerung der Sturm die Wipfel
biegt und Wolkenfetzen darüber hasten, dann wird er sein Werk tun. Aber
die Fluren, auf denen die Mittagsfrau sich zeigte, wird er festhalten
im hellen Flimmer des Sommermittags. Im Photographen schon muß die Sage
in aller ihrer dunklen Gewalt lebendig sein.
Das Gebiet, das hier dem Heimatfreunde und Liebhaberphotographen
aufgetan ist, ist reich und dankbar wie kaum ein andres. Von
zahlreichen Felsen werden Sprungsagen erzählt, viele gewaltige
Landschaftsgebilde stehen mit der Riesen- und Teufelssage im
Zusammenhang. Die unheimlichen Gemäuer alter Türme und Ritterhöfe sind
belebt von allerlei Spuk. In den trägen Wirbeln der Flüsse sitzt der
Wassermann. An Bergen wohnen die Zwerge oder an den Halden bleichen
die weißen Frauen ihre Wäsche. Und die vielen, vielen Schatzstätten!
Alle Möglichkeiten aufzuzählen geht hier nicht an. Aber zu weiteren
Hinweisen und Ratschlägen bin ich gern bereit.
Hat der Heimatfreund ein schönes Lichtbild hergestellt, wird er dem
Heimatschutze einen Abzug oder die Platte zur Verfügung stellen. Ob
der Heimatschutz die Selbstkosten bezahlen wird, das weiß ich nicht.
Der Heimatschutz legt eine Sammelstelle für diese Bilder an und
läßt Lichtbilder fertigen. Die werden gegen eine geringe Gebühr an
Schulen, Jugendgruppen und Vereine verliehen. Vielleicht kann auch
der Heimatschutz selbst einen seiner Vorträge nach dieser Seite hin
organisieren.
Von den Lichtbildern und den geistigen Werten, die daran haften, wird
eine wirksame Kraft in der Erziehung zum heimatlichen Menschen hinaus
ins Land strömen.
Wie »Tier«photographien entstehen können
Dem Landesverein Sächsischer Heimatschutz wurden vor einigen Jahren
von einem Dresdner Liebhaberphotographen eine Anzahl Tieraufnahmen
verkauft. Diese Photographien, von ihrem Urheber ausdrücklich als
solche _freilebender Tiere_ bezeichnet, gelangten dann, ebenfalls
wieder als »Naturaufnahmen« und »Natururkunden«, auch an verschiedenen
Stellen zur Veröffentlichung. So ging eine dieser, den Ernemann-Werken
überlassene Aufnahme: »Bussard im Kampfe mit einem Hamster« in die
von Carl W. Neumann besorgte Brehm-Ausgabe (Leipzig, Reclam; Bd. 5,
Vögel 2, Tafel n. S. 112) über und neuerdings erschien eine den
gleichen Vorgang darstellende, von jener aber verschiedene Aufnahme
zusammen mit einer Anzahl anderer in der Sonntagsbeilage »Heim und
Welt« des Dresdner Anzeigers (Nr. 34 v. 22. 8. 1926). In diesem
letzteren Falle hat der Photograph den Bildern noch einen kurzen, in
die Form persönlicher Erlebnisse gekleideten Begleittext angefügt, in
dem die Eigenschaft der Aufnahmen als solcher _freilebender_ Tiere noch
ganz besonders dick unterstrichen wird.
Die Bezeichnung der Bilder als »Naturaufnahmen«, »Natururkunden« usw.
und ihre Veröffentlichung unter dieser Bezeichnung verdient jedoch
die schärfste Zurückweisung. Denn sie sind bestimmt keine Aufnahmen
freilebender Tiere, sondern stellen lediglich nur photographische
Wiedergaben von im Freien nicht einmal mit viel Verständnis und
Geschick aufgebauten toten Stopfpräparaten dar!! Sie verraten dem
Kundigen die Unehrlichkeit ihres Wesens nicht bloß aus Gründen der
tierphotographischen Technik, sondern sind zum Teil auch direkte
zoologische Unmöglichkeiten, aber – wie es ja auch die Möglichkeit
ihrer Veröffentlichungen beweist – geeignet, in einem für derartige
Dinge weniger geschultem Auge die Vorstellung tatsächlichen Geschehens
zu erwecken. – Mir liegen neben einigen anderen auch die folgenden
drei Aufnahmen vor:
Rauhfußbussard im Kampfe mit einem Hamster,
Kampfläufer bei ihren Balzkämpfen und
Rohrdommel einen Feind sichtend.
Von der ersten, auf der man einen Bussard mit noch erhobenen
Schwingen vor einem in der Abwehr sich aufgerichteten Hamster sieht
und von dem der Photograph in seinem vorerwähnten Begleittext sagt,
daß diese »in ihrer Tragik wohl einzig dastehende Naturaufnahme
(!) nur einem glücklichen Zufall (!) zu verdanken ist«, kenne ich
nicht weniger als vier verschiedene, mir in den Originalabzügen
vorliegende »Aufmachungen«. Sie zeigen – wovon sich auch der Leser
meiner Ausführungen leicht selbst durch einen Vergleich der Bilder
in Brehms Tierleben und dem Dresdner Anzeiger überzeugen kann – in
_unverändert gleicher Stellung ein und dieselbe Tiergruppe_, sind
aber teils mit verändertem Kamerastandort aufgenommen worden, teils
durch das Umstellen der Gruppe an einen anderen Platz entstanden! Die
zoologische Unmöglichkeit des dargestellten Vorganges – als Ort der
Aufnahme hat der Photograph, wie aus dem Charakter der auf den Bildern
mit wiedergegebenen Landschaft hervorgeht, wohl eine Sandgrube in
der Dresdner Heide benutzt – liegt u. a. darin, daß der Hamster auf
Sandboden nie vorkommen wird und vorkommen kann; als auf Sandboden
entstanden bezeichnet sie aber wiederum der Photograph selbst (»Auf der
Wanderung durch die Dünen« usw.). Außerdem wird der Hamster nur in sehr
seltenen Fällen einmal eine Beute des Rauhfußbussards werden können.
Denn der letztere ist ja ein nordischer Brutvogel, der sich bei uns in
der Regel zu einer Zeit aufhält, in der der Hamster seinen Winterschlaf
hält.
Auf der Kampfläufer-Aufnahme sind zwei sich befehdende Männchen in
einer Weise wiedergegeben, wie man sie in Wirklichkeit überhaupt
nicht sieht und die jeder, der schon einmal die so interessanten
Kämpfe dieses Vogels in der Natur hat sehen dürfen, ohne weiteres als
»gestellt« empfindet. Und sie sind es tatsächlich auch, wie wiederum
einige – drei – mir vorliegende Originalabzüge bezeugen, auf denen –
natürlich! – wieder in unveränderter Stellung die gleichen zwei Vögel,
aber an drei verschiedenen Stellen, dargestellt sind. Einmal sogar im
Wasser, in dem die Kämpfe niemals stattfinden! Eine andere dieser, nach
des Photographen eigenen Worten »in den Niederungen Norddeutschlands«
entstandenen Kampfläufer-Aufnahmen ist genau an der Stelle im Dresdner
Heidesand gemacht worden, an der sich auch der »in seiner Tragik wohl
einzig dastehende« Bussard-Hamster-Kampf abgespielt hat! Denn die
Aufnahmen geben nicht nur »urkundgetreu« des Photographen sich im Sande
abgedrückte Fußtapfen wieder, sondern es kehrt auf beiden auch eine aus
einigen Einzelbüschelchen bestehende Grasgruppe wieder, in der sogar
die leicht zu zählenden Grashälmchen miteinander übereinstimmen! Selbst
der Schatten von des Photographen Hut ist auf der einen dieser, nach
des Photographen eigenen Angaben aus 25 Meter (!!) Entfernung gemachten
Aufnahme enthalten!
Daß auch die »einen Feind sichtende Rohrdommel« in ihrem ganzen
Ungeschick nur »gestellt« ist, sieht jeder, der unseren Vogel kennt;
der Photograph selbst aber verrät es uns auch in diesem Falle wieder,
wenn er den dargestellten Vorgang sich »in der Teichgegend von Weißig
bei Dresden« abspielen läßt. Ob er wohl jemals hier außer seinem
gestopften Vogel schon eine Rohrdommel gesehen hat? Ich bezweifle es!
Ich könnte nun auch noch auf die übrigen dieser »Naturaufnahmen«
eingehen, etwa auf die des Helgoländer Lummenfelsens, die im Museum
entstanden ist und auf der in dem mir vorliegenden Diapositiv die
verräterischen Schrankleisten ausgekratzt sind, und könnte dem
Photographen auch verraten, wo noch vor der Entstehung seiner
»Naturaufnahmen« die von ihm dazu verwendeten Stopfpräparate
bereits künstlerisch verwertet worden sind, glaube jedoch, daß das
bereits Gesagte genügen dürfte, diese Art der Tierphotographie und
Tierdarstellung zu kennzeichnen und vor ihr zu warnen. –
Ernste tierphotographische Arbeit stellt man heute anderen
naturwissenschaftlichen Betätigungen gleichwertig an die Seite,
naturwissenschaftliche Arbeit aber setzt Treue und peinlichste
Wahrheitsliebe voraus. Daher wird der Unterzeichnete jeden Versuch, die
gleichen oder ähnliche Aufnahmen als »Natururkunden« in die Welt zu
schicken, entgegentreten und damit einer Pflicht genügen, die für den,
der sie ausüben muß, freilich nicht gerade die angenehmste ist.
_Rud. Zimmermann._
Das verborgene Gesicht
Von _Paul Hille_, Schneeberg
Du wirst es mir nicht glauben wollen, lieber Leser, daß es so viele
Schminkgesichter gerade in der Kleinstadt gibt. Aber es ist doch so.
Also wäre die Kleinstadt der Sitz der Überfeinerung und Unnatur?
Ja, leider.
Mir würde es ein Hauptspaß sein, einmal nachts mein Unwesen zu treiben
unter den Schminkgesichtern. Das gäb andern Tages einiges Aufsehen!
Rotschwänzchen, die lieben Frühaufe, die heiser und stotternd, wie
es sich in dem ungewissen Dämmerlichte ziemt, von Dach zu Dachfirst
Zwiesprach halten in der Morgeneinsamkeit, sie würden ihre alte
Gasse nicht wiedererkennen. Ihr Getue bringt die schlafbefangenen
Kleinstadthäuschen zum aufmerken. Im Morgengrauen werfen sie sich
lange Frageblicke zu. Was ist’s mit dir? Wie steht’s mit mir? Wenn’s
doch erst richtig hell wäre, damit man klarer sehen könnte! – Arbeiter
eilen zum Frühzug, eilen und stocken. Welche Neuerung im gewohnten
Straßenbilde! – Etwas später. Der Bürgersmann guckt zum Fenster heraus.
»Potz tausend! Wie ist das mit meiner Brille, was hat’s mit Nachbars
Häuschen?« – Als dann der Schwarm der Schulkinder kommt, geht das
Verwundern erst richtig an. »Guck, Karle; sieh nur, Liesel!«
Was ist geschehen?
Nichts weiter. Der falsche Putz ist verschwunden vom Obergeschoß der
Häuschen. Altes Fachwerk kam zum Vorschein. Die Felder zwischen dem
Gebälk sind frisch abgeputzt, die Balken mit einer rechtschaffenen
Farbe gestrichen. Die Gasse sieht in der munteren Gliederung ihrer
Wandflächen viel schmucker aus als ehedem. Etwas Behagliches,
Erwärmendes, viel Bildhafteres, durchaus zum Wesen der gemütlichen
deutschen Siedelung Passendes ist hereingekommen. Die Häuschen haben
mit ihrem neuen Gesicht geradezu Charakter gekriegt, stehen da wie
Persönlichkeiten mit erhöhtem Selbstgefühl.
Gut, diese Verschönerung und Wertsteigerung lasse ich gelten.
Wie aber steht es mit der Haltbarkeit? Das Gebälk ist doch jetzt Wind
und Wetter preisgegeben und verfällt viel rascher als früher, da
schützender Kalkbewurf darüber lag!
Mit Verlaub! Man hat Beispiele, daß unter dem Putz der Verfall des
Holzes munter vor sich ging. Niemand sah es; der Schaden war ja
verkleistert. Als man aufmerksam wurde, war die Sache schon bedenklich.
Also ist es besser, man entzieht das wandelbare Holzgebälk nicht dem
kontrollierenden Blicke.
Übrigens ist Holz in der Form von Fachwerkbalken ein recht dauerhafter
Stoff. Viele, viele Städte im deutschen Lande reden vernehmlich davon.
Drei, vier Jahrhunderte sind die Fachwerkbauten alt in Nord und Süd,
in Quedlinburg, Goslar, Hildesheim, in Nürnberg, Dinkelsbühl und im
Schwabenland. Genannte Örtlichkeiten sind vielbesuchte Wanderziele.
Der Fremde läßt Geld dort sitzen. Die trauliche Schönheit der
Fachwerkbauten hat es ihm angetan.
Warum aber ist man bei uns im Sachsenland zum Verbergen der
Fachwerkflächen unter Putz gekommen?
Das hängt mit unserer Art zusammen, die nicht so urtümlich und
fest ist wie die anderer deutscher Stämme. Und das hängt mit
unserem Schicksal zusammen. Sachsen ist Industrieland. Überall
wollte man sich der aufblühenden Industriestadt anpassen. Wo nicht
Steinfassaden waren, wurden sie wenigstens vorgetäuscht. Der Stolz
auf das Vätererbe war nicht so groß, wie die Sucht nach dem Neuen.
So bekamen die alten Häuser zwei Gesichter, eines, das man schamhaft
versteckte und eines, mit dem man neumodisch zu blenden suchte.
Diese Einstellung ist vom Standpunkte der Wahrheit und Ehrlichkeit
ebenso anfechtbar wie von dem der Schönheit. Was hältst du von einem
Menschen, der gewisse Äußerlichkeiten der vornehmen Welt zur Schau
trägt, dabei unverkennbar ein ungehobelter Kerl ist? Da fühlst du
die Ungereimtheit, die Würdelosigkeit. Das frisierte Bürschchen
ist verächtlich, der unverkünstelte Mensch aus dem Volk aber
eindringlich und achtunggebietend in seiner Art. Häuser gehören zu den
Ausstattungsstücken, die den Kultur- und Bildungsstand eines Menschen
fast ebenso untrüglich anzeigen wie Sprache, Kleidung, Gebaren. Wie
steht es mit der Bildung auf sittlichem und schönheitlichem Gebiete bei
denen, die aus den alten bodenständigen Fachwerkbauten Wechselbälge
machen?
Der Dörfler, vor allem der kleine Häusler, hat sich scheinbar den Sinn
für das Natürliche am überlieferten Wohnhaus treuer bewahrt. Jedenfalls
ist das Fachwerkhaus, wie es uns L. Richter auf seinen trauten Blättern
gerade aus Sachsen zeigt, im Bauerndorfe auch heute noch nicht selten.
Ist diese Tatsache nur auf die größere Unberührtheit des Landbewohners
von industriellen Einflüssen zurückzuführen?
Zuweilen sieht man auch in diesen Beobachtungsgebieten Zeichen von
Verkümmerung, die als Blutleere des natürlichen Schönheitsempfindens
anzusprechen sind. Fachwerkhäuser, deren Gebälk zwar noch offen zutage
liegt, bei denen aber der Pinsel des Tünchers von oben bis unten
dieselbe Farbe hinstrich, sind lieblos behandelte, fade Dinger. Denn
ihnen war bestimmt, in kontrastreicher Munterkeit zu erscheinen, nicht
in einförmigem Gleichton. Dunkles Geäder und helle Wänglein dazwischen,
das ist ihre Art. Stellen sie sich in dieser nicht offensichtlich als
wieder zeitgemäße Gebilde dar?
Farbe an die Häuser, lustige Buntheit in die Gassen, das ist ja die
Forderung der Gegenwart. Man sucht ihr gerecht zu werden. Schon
bekommen die Hauswände auch in den kleineren Orten unseres sächsischen
Gebietes farbigen Anflug. Die Fachwerkbauten sind _Natur_kinder mit
farbigem Gesicht. Man erkenne und würdige sie als solche. Dann werden
sie auch wieder ungeschminkt ihre schlichte Schönheit zeigen. Sie
ersparen dem Maler die Verlegenheit, wie er die Farbe anordnen soll
und verbürgen durch ihre bauliche Eigenheit eine gewisse Güte der
ornamentalen Behandlung. Bei zweistöckigen Gebäuden, die im Erdgeschoß
massiv und nur im Oberstock als Fachwerkbau errichtet sind, stellt sich
ungesucht eine treffliche Beherrschung der großen Wandflächen ein. Es
wirkt der Gegensatz zwischen dem im Fachwerk rege aufgeteilten Oberbau
und der Unterwand mit ihrer viel geringeren Gliederung.
Die volkstümliche Farbgebung, wie sie nach bisheriger Gepflogenheit
bei Fachwerkhäuschen üblich war, ist eine interessante Äußerung des
Landschafts- und Stammescharakters, als solche einfach und überzeugend.
Schwarzes Gebälk hat der Schneeberger Bergbaubezirk, schwarz wie
der Bergmannskittel, ernst wie die Bergmannsarbeit, düster wie die
erzgebirgischen Nadelwälder. Vollfarbig grün, braun, rot wird im
Gebiet, wo Lausitz und Sächsische Schweiz aneinanderrainen, der Balken
gestrichen, entsprechend der mannigfaltigeren, anmutigeren Formenwelt
der Landschaft. Das farblustigste Häuschen fand ich in der heiteren
Elbtalwanne, ein himmelblaues Wesen mit warm braunem Holzwerk und
Strohdach. Trotz seiner armseligen Bauart machte es einen anheimelnd
wohligen Eindruck. Mehr Beobachtungen in dieser Richtung sind erwünscht.
[Illustration: Abb. 1]
Welches sind nun die Häuschen, unter deren trügerischer Außenhaut ein
Fachwerkbau seinen Dornröschenschlaf hält: Das ist leicht zu ergründen.
Selbst für den Unkundigen gibt es ziemlich sichere Kennzeichen des
verborgenen Gesichtes. Solche sind: Das Vorkragen des Obergeschosses,
der Mangel steinerner Fenstergewände, zuweilen ein helles Negativ
des gesamten Gebälkes, geradlinige Risse im Putz oder Bloßlegung
eines Balkenteiles (denn gerade auf dem Holze hält der Putz nur
unter Anwendung besonderer Vorkehrungen). Erstaunlich ist es, wie
viele Fachwerkgestalten der Vorzeit mancherorts unter einer Kalkhaut
verkrustet sind. Ganze Straßenzüge im älteren Ortsteil, namentlich
dessen äußere Gassen, enthüllen dem aufmerksamen Betrachter ihre wahre
Natur. Aber auch im vornehmeren Kerne der Stadt gibt es verborgene
Fachwerkgesichter. Ich bin schon wiederholt entzückt gewesen von der
Belebung des Ortsbildes, die entstand, wenn bei Erneuerungsarbeiten
altes Fachwerk zum Vorschein kam. Gestalten aus einer entschwundenen
schönen Zeit guckten herein in die Gegenwart. Und seltsam, wie gut und
lebendig diese warmen Wesen unter den Maskengesichtern einer nüchternen
Umgebung sich ausnahmen! Meinem Entzücken folgte aber auch regelmäßig
die Enttäuschung. Es waren stumpfe Erwecker, die das verzauberte
deutsche Kind aus seinem mehr als halbhundertjährigen Schlafe lösten.
Sie zogen samt und sonders, Besitzer, Tüncher und Baumeister in
trautem Verein, der schlichten lieben Schönheit die Kalkschicht wieder
übers Angesicht.
[Illustration: Abb. 2]
Nun, lieber Leser, versuche Entdeckungen zu machen in deinem Städtchen,
deinem Dorfe! Und versuche eine Tat! Sage den Besitzern von den schönen
Möglichkeiten, die sich bei einer Erneuerung ihrer Hauswände zeigen!
Vielleicht hast du Erfolg. Du bringst dabei ein Stück verlorene
Heimatschönheit wieder. Du bist Teilhaber daran. Heimatschönheit, das
ist öffentlicher Besitz, das ist etwas, was auch zum »goldenen Überfluß
der Welt« gehört und eine gute Medizin sein soll gegen allerlei
Anfechtungen. Wo die Erde schön ist, da schlägt die Seele Wurzel. Und
wo dies Pflänzchen gedeiht, da grünt etwas aus Gottes heil’gem Garten
Eden.
Nachwort.
Der Aufsatz »Das verborgene Gesicht« war schon seit Jahresfrist
in den Händen des Heimatschutzes, als durch die Tageszeitungen
bekannt wurde, daß der Bürgermeister eines rheinischen
Städtchens die Gedanken, für die vorstehend geworben wird,
in seinem Verwaltungsbezirk erfolgreich in die Tat umgesetzt
hat. Also: Es geht! Und was hier angestrebt wird, ist nicht
unzeitgemäß. An weit entfernten Orten unseres deutschen
Vaterlandes wird völlig unabhängig voneinander derselbe Gedanke
wach und verfochten.
Sachsens Binnenlands-Seeschwalben
Von _Rud. Zimmermann_, Dresden
Mit Abbildungen nach Naturaufnahmen des Verfassers
Von den im Binnenlande nistenden Seeschwalbenarten zählte Sachsen
drei zu seinen Brutvögeln: die Flußseeschwalbe, Sterna hirundo L.,
die Zwergseeschwalbe, St. albifrons Pall., und die Trauerseeschwalbe,
Chlidonias nigra L. Von ihnen nistet heute aber nur noch unregelmäßig
die Trauerseeschwalbe im Lande, während Zwerg- und Flußseeschwalbe
als Brutvögel verschwunden sind und höchstens die letztere ab
und zu sich noch einmal zu einem Brutversuch aufschwingt. Zwerg-
und Flußseeschwalbe, die erstere als die spärlichere neben ihrer
zahlreicheren größeren Schwester, bewohnten einst die Kiesbänke
und Heger der Elbe und der Vereinigten Mulde bei und unterhalb
Wurzens, die letztere außerdem noch geeignete Teiche vorzugsweise
Ostsachsens, auf denen noch zahlreicher als sie die den stehenden
Gewässern den Vorzug gebende Trauerseeschwalbe ihre manches Mal sehr
volkreichen Brutkolonien unterhielt. Das Verschwinden der Zwerg- und
der Flußseeschwalbe an der Elbe, über deren Brutvorkommen von Pirna
stromabwärts bis über Meißen hinaus zahlreiche Angaben früherer
Beobachter vorliegen, die heute in uns nur noch wehmütige Erinnerungen
an das Gewesene wecken, scheint um oder nach der Jahrhundertwende
erfolgt zu sein; keiner der doch wohl auch damals zahlreichen Dresdner
Beobachter jedoch hat uns sichere Angaben darüber hinterlassen! An
der Mulde dürften beide Vögel sich noch etwas länger gehalten haben;
Richard Schlegel in seiner »Vogelwelt des nordwestlichen Sachsenlandes«
gibt für die Zwergseeschwalbe noch einen gesicherten Brutnachweis für
das Jahr 1911 und für die Flußseeschwalbe für 1913 wieder. Für die
Oberlausitzer Teichgebiete bezeichnet 1917 Stolz die Flußseeschwalbe
als so selten, daß »jede Begegnung mit ihr ein ornithologisches
Ereignis bildet«. Ihm war also von einem Brüten des von allen früheren
Lausitzer Beobachtern noch nistend angetroffenen Vogels nichts mehr
bekannt. 1924 glückte es jedoch, zwei Brutpaare unseres Vogels in der
im folgenden Jahre aber leider eingegangenen Koblenzer Lachmöwenkolonie
(preuß. Oberlausitz) aufzufinden – die Flußseeschwalbe scheint gern die
Gesellschaft der Lachmöwe zu suchen, in deren Siedlungen sie dann auch
die eigenen Nester errichtet – und auch 1925 konnten die Vögel wieder
in der Nähe ihres vorjährigen Brutplatzes beobachtet werden, ohne daß
jedoch ein Brutnachweis möglich war. Im letztgenannten Jahre versuchte
außerdem ein Paar auf dem Königswarthaer Biwatschteich zu nisten; meine
Hoffnung auf einen (und vielleicht auch den letzten) photographischen
Brutnachweis für unseren Vogel für Sachsen machten leider Enten
zunichte, die das bereits fertige Nest des Seeschwalbenpaares als
Ruheplatz sich aneigneten und dadurch die beiden Vögel zum Abwandern
veranlaßten.
[Illustration: Abb. 1. =Brütende Trauerseeschwalbe.= Königswartha,
Biwatschteich. Juni 1925]
Der Trauerseeschwalbe begegnete ich in der Oberlausitz jedoch
alljährlich und sicherlich als Brutvogel auch in den Fällen, in
denen ein direkter Brutnachweis nicht möglich war. 1919 traf ich
sie bei Königswartha an, fand aber damals, da mich ein anhaltender
Landregen zu einer ungewollten, verfrühten Rückreise zwang, nicht
die erhoffte Kolonie. Und von neuem kreuzte sie, nachdem ich in der
Zwischenzeit die östliche Lausitz nicht mehr hatte aufsuchen können,
meine Wege 1923 am Caminauer Altteich, ohne daß es mir jedoch auch
jetzt möglich gewesen wäre, die auf diesem Teiche vermutete Brutkolonie
zweifelsfrei festzustellen. Jedoch erfuhr ich später von Herrn Dr.
Bäßler-Dresden, daß dieser eine Siedlung auf dem genannten Teiche
bereits 1920 bestätigen konnte. 1924 gelang dann ein Nachweis des
Brütens von unserem Vogel auf dem Groß-Särchener Großteich (preuß.
Oberlausitz), über dem kreuzende Trauerseeschwalben von mir bereits im
Vorjahre in größerer Zahl beobachtet worden waren. Die Art unterhielt
in diesem Jahre zwei Siedlungen auf dem Teiche, ein Besuch der einen
ergab eine schätzungsweise Stärke derselben von fünfundzwanzig bis
dreißig Brutpaaren. Die gleiche Stärke mochte auch die zweite Kolonie
besessen haben. 1925 aber hatte sich die Zahl der Vögel hier so
verringert, daß zwei Besuche des Teiches eine Schätzung auf höchstens
nur noch zehn Paare zuließen. Und im vergangenen Frühjahre endlich,
in dem der in nächster Zeit dem Kohlenabbau zum Opfer fallende Teich
auffallend niedrig bewässert war und einen größeren Wasserreichtum
erst nach den Überschwemmungen im Juni wieder erhielt, waren die
Vögel völlig verschwunden. Dagegen entstand 1925 eine neue Kolonie
der Trauerseeschwalbe auf dem Biwatschteich bei Königswartha, auf dem
nach einer Mitteilung des Herrn Professors Bernhard Hoffmann-Dresden
unser Vogel bereits in früheren Jahren Siedelungen unterhalten hatte.
Die Zahl der gebrüteten Paare dürfte mit zwanzig nicht zu hoch
gegriffen sein. Leider aber gingen zahlreiche Jungvögel unter den
Folgen der Kälte und Nässe des Juni zugrunde, so daß ich mit einer
Abnahme der Vögel im Jahre 1926 rechnete. Sie stellten sich jedoch
überraschenderweise im vergangenen Frühjahre in einer sichtlich
größeren Zahl wieder auf dem Teiche ein; ihr Verhalten deutete
Brutabsichten auch für dieses Jahr an und aus ihrem Betragen um Mitte
Mai durfte man auch auf die ersten getroffenen Brutvorbereitungen
schließen – als sie auf einmal spurlos verschwunden waren! Die Ursachen
ihres Wegzuges sind mir unbekannt geblieben, mögen aber vielleicht
in der Anwesenheit eines Rohrweihenpaares auf dem Biwatschteich und
in den Raubzügen von Krähengesellschaften begründet sein, durch die
die Vögel beunruhigt wurden. Den räuberischen Gelüsten der Krähen
fiel übrigens auch, wie ich aus den aufgefundenen Eischalenresten
feststellen konnte, das oder ein Gelege des Rohrweihenpaares zum Opfer,
sie vergalten ihm mit dem Maße, mit dem dieses auch seinerseits die
Gelege des Wassergeflügels zehntet! – Ein Teil der vom Königswarthaer
Biwatschteich abgewanderten Trauerseeschwalben – wahrscheinlich der,
der sich dann Ende Juni von neuem im Königswarthaer Teichgebiet
einstellte – hatte sich nach dem Holschaer Großteich gewendet; die
Nester wurden hier jedoch ein Opfer des Hochwassers. Wo der Rest der
Vögel – und zwar scheint dieser den größeren Teil umfaßt zu haben –
gebrütet hat, ließ sich leider nicht feststellen.
[Illustration: Abb. 2. =Trauerseeschwalbe am Neste anfliegend.= Auf
dem Neste neben einem Ei ein einen Tag alter Jungvogel. Königswartha,
Biwatschteich. Juni 1925]
Die Trauerseeschwalbe verlangt für die Anlage ihrer Nester schwimmendes
Pflanzenmaterial, Schlammbänke und dergl.; auf dem Groß-Särchener
Großteich bildeten Laichkrautpolster, die in einer manches Mal fast
undurchdringlichen Dichte den Teich durchsetzten, die Unterlage der
immer schwimmend angelegten und oft so wenig über die Wasserfläche
emporragenden Nester, daß die Eier fast im Wasser schwimmen, und
auf dem Königswarthaer Biwatschteich waren es Schlammbänke, die die
Vögel zur Gründung einer Siedlung auf diesem veranlaßten. Diese in
den vorhergegangenen Jahren nicht vorhanden gewesenen Schlammbänke
waren dadurch entstanden, daß der Teich im Winter trocken gestanden
hatte, vor seiner Wiederbewässerung aber umgepflügt worden war und daß
dann dadurch aus dem Boden gerissenes Wurzelwerk zusammen mit anderen
faulenden Pflanzenteilen an die Oberfläche gestiegen war; sie wurden
aber nicht nur die Ursache zur Ansiedlung der Trauerseeschwalbe,
sondern übten eine große Anziehungskraft auch auf anderes
Wassergeflügel aus, das sie ebenfalls teils für Nistzwecke benutzte,
teils aber auch infolge ihres Reichtums an allerhand Kleingetier als
üppig spendende, nie versagende Nahrungsquelle in Anspruch nahm.
Jedenfalls zeigen uns die hier beobachteten Erscheinungen sehr
deutlich die Abhängigkeit der Vogelwelt eines Teiches von der Art
seiner Bewirtschaftung und können uns dabei zugleich Hinweise werden
für die Behandlung solcher Teiche, die man dem Naturschutz dienstbar
gemacht hat oder dienstbar zu machen gedenkt. Auf ihnen der Natur
ausschließlich das Wort zu lassen, wie man dies immer fordert, ist
meines Erachtens grundfalsch, es würde auf diese Weise lediglich
nur ein Teil der Vogelwelt dieser Teiche erhalten, der andere aber
bestimmt zum Abwandern veranlaßt werden. Denn die Ansprüche eines
Vogels an seine Aufenthaltsorte sind selbst in einer so engbegrenzten
und scheinbar auffallendere Unterschiede gar nicht aufweisenden
Lebensgemeinschaft, wie sie ein Teich darstellt, grundverschieden.
Teiche mit nie oder selten beseitigter und infolgedessen dichter,
einen Urwald im Kleinen bildender Vegetation – um nur auf einige
gröbere Unterschiede einzugehen – zeigen ein ganz anderes Vogelbild
als jene, in denen Rohr und Schilf von Zeit zu Zeit gehauen werden
und infolgedessen auch lockerer stehen; jene ersteren »sich selbst
überlassen gebliebenen Teiche« sind nach meinen Erfahrungen in der
Regel vogelärmer, als sinngemäß bewirtschaftete, können allerdings
umgekehrt wieder gerade unseren seltensten gefiederten Teichbewohnern
Rahmen ihres Lebens werden. Ich würde daher auch, wenn ich in
derartigen Schutzfällen zu entscheiden hätte, nur einen Teil eines
solchen Teiches sich selbst überlassen, den anderen aber bis zu einem
gewissen Grade (und in Würdigung auch der mit ins Gewicht fallenden
örtlichen Verhältnisse) »unter Kultur nehmen« und ich bin dabei auf
Grund meiner ja nun schon langjährigen und in den verschiedensten
Teichgebieten gesammelten Erfahrungen davon überzeugt, daß nur auf
einem in dieser Weise behandelten Teiche das Vogelleben sowohl
hinsichtlich der Arten, wie auch in bezug auf die Stückzahl seiner
gefiederten Bewohner den größten Reichtum aufweisen würde. –
[Illustration: Abb. 3. =Trauerseeschwalbe auf dem Nest.= Ein Junges
auf dem Nest, das andere aus dem Wasser zu ihm emporkletternd. Der
alte Vogel im Übergang vom Frühjahrs- zum Herbstkleid. Königswartha,
Biwatschteich. Juni 1925]
Die Trauerseeschwalbenkolonie im Königswarthaer Biwatschteich konnte
ich im verflossenen Jahre, den Teich teils abwatend, teils mit dem
Boote befahrend, ziemlich regelmäßig besuchen. Ich sah die Nester
entstehen und konnte die Ablage der Eier, die einmal auch von ein
paar Knaben geplündert wurden, verfolgen, schaute dann wieder die
alten Vögel brütend auf den Nestern und sah die Jungen schlüpfen und
heranwachsen, sah sie aber auch, wie schon erwähnt, unter den Folgen
von Kälte und Nässe leiden und leider auch in größerer Zahl zugrunde
gehen. In das Erinnern an die dabei oft genossenen Stunden stiller
Beobachterfreuden mischen sich auch die Gedanken an einige weniger
angenehme Stunden. Es sind diese die des photographischen Ansitzes,
die gerade in die Zeit der größten Junikälte fielen und während deren
den Körper manches Mal eine rauhe Gänsehaut überlief, die Glieder
bitterlich vom Froste geschüttelt wurden. Sie waren aber wenigstens
nicht erfolglose, und der Leser der Heimatschutzmitteilungen mag beim
Betrachten der hier beigegebenen Aufnahmen wenigstens im Geiste mit mir
nochmals die Stunden durchkosten, die ich damals erlebte. Die Bilder
sollen von dem Vorkommen unseres Vogels in unserem schönen sächsischen
Vaterlande aber auch dann noch zeugen, wenn ihm – was jedenfalls sehr
wahrscheinlich ist – hier einmal das Schicksal ereilt haben wird, das
die Zwerg- und die Flußseeschwalbe schon betroffen hat.
[Illustration: Abb. 4. =Junge Trauerseeschwalben.= Königswartha,
Biwatschteich. Juni 1925]
Der Floßgraben bei Pegau[2]
Von _Fritz Irmscher_, Pegau
Mit Aufnahmen des Landesvereins Sächsischer Heimatschutz
[Illustration: _Der Floßgraben bei Pegau._
_M. 1 : 100000_]
Der Floßgraben, von dem ich erzählen will, bildet im Westen von
Pegau auf weite Strecken die Grenze zwischen Sachsen und Preußen. Er
heißt hier landläufig der »große« Floßgraben, auch Fließgraben, zum
Unterschied von dem später zu erwähnenden »kleinen« Floßgraben. Der
große Floßgraben beginnt etwa drei Wegstunden oberhalb von Zeitz bei
Crossen an der Elster. Ein kleines Wehr staut hier die Elster ein
wenig an. Nun zieht sich der etwa zweieinhalb Meter breite, nicht
sehr tiefe Wasserlauf an den Bahnstationen Wetterzeube und Haynsburg
vorbei, westlich von Zeitz vorüber, nähert sich der Eisenbahnstrecke
Leipzig–Gera–Saalfeld wieder bei den Bahnhöfen Bornitz und Reuden;
dann läßt er, in nördlicher Richtung weitergehend, Pegau in etwa
dreiviertel Stunde Entfernung rechts liegen. Er wendet sich nun nach
Werben, dem Orte, der Torstenson 1644 als Hauptquartier diente, während
er Pegau, damals »Trutz-Leipzig« genannt, belagerte. Nun kommt der
Floßgraben nach Orten, die uns aus der Geschichte der Freiheitskriege
bekannt sind, nach Kitzen und Großgörschen. Hier schien am 2. Mai
1813 Napoleons Stern, der sich im vorhergehenden Jahre in Rußland zum
Untergang neigte, wieder aufwärts zu steigen. Hier erlitt Scharnhorst
seine tödliche Wunde; ein schönes Denkmal erinnert uns heute daran. Im
Überfall bei Kitzen wurde der Freiheitssänger Theodor Körner verwundet.
Noch einmal berührt der Floßgraben historisches Gelände, wenn er
östlich von Lützen vorüberfließt, (ein Arm zweigt nach der Stadt
selbst ab) um sich endlich nach rund fünfzig Kilometer Luftlinie bei
Wallendorf in die Luppe, einen Arm der Weißen Elster, zu ergießen.
In Wirklichkeit ist der Floßgraben natürlich viel länger als fünfzig
Kilometer; kommt es doch an einzelnen Stellen vor, daß die Grabenlänge
infolge der vielen Bogen das vierfache der Luftlinie erreicht.
Verfolgen wir den Verlauf des Grabens auf dem Meßtischblatt, so finden
wir, daß sein Lauf fast übereinstimmt mit dem Verlauf der Höhenlinien,
auf Pegauer Gebiet mit der Hundertfünfzig-Meter-Linie. Gewiß eine
bewundernswerte Leistung, wenn man bedenkt, daß der Graben unter dem
Kurfürsten August gebaut wurde und 1587 vollendet war. Wie andre
Kunstgräben in Sachsen (ich erinnere an den Schneeberger Floßgraben und
an den Graben der sogenannten Grabentour; vgl. Band XII, Seite 49),
so hat auch unser Graben eine ganz besondere Aufgabe. Unter dem als
Vater August bekannten Kurfürsten entstanden die Salzwerke von Teuditz
und Kötzschau bei Bad Dürrenberg. Um diesen Salinen das zum Salzsieden
nötige Brennholz zu liefern, wurde der Floßgraben erbaut. Später wurde
die Aufgabe erweitert. Schon um 1590 hatte Leipzig den Wunsch, sich
durch den Floßgraben mit Feuerholz versorgen zu lassen. 1610 ging der
Wunsch in Erfüllung. Man zweigte vom großen Floßgraben den kleinen oder
Leipziger Floßgraben ab, der nun außer Leipzig unter anderem auch Pegau
mit Brennholz versorgte. In ungefähr ein Meter langen Stücken wurde
im Frühjahr im waldreichen Vogtland das Holz in die Elster geworfen.
Bei Wünschendorf wurden die Hölzer herausgefischt, aufgestapelt und
gezählt. Das war nötig, denn viel Holz wurde unterwegs gestohlen. Reuß
erhielt von Sachsen bedeutende Holzmengen als Entgelt für den Schutz
der Flößerei. Hohe Strafen standen auf Holzdiebstahl. Doch half das
alles nichts. Übrigens wurde auch Wasser gestohlen! Die Bauern nahmen
es zur Feldberieselung, die Herrschaften zur Füllung ihrer Fischteiche
und ihrer Schloßgräben und zum Waschen der Schafe. In den Berichten,
die aller zwanzig Jahre einzusenden waren, wurde bitter darüber
geklagt. Von Wünschendorf aus setzte nun das Holz seine Reise auf der
Elster fort bis Crossen. Hier wurde es abermals aufgehalten und in den
Floßgraben geleitet. Floßknechte mit hakenbewehrten Stangen standen
am Ufer, um hängengebliebene Hölzer fortzuschieben und Stauungen
zu verhindern. Nachts wurde das Holz aufgehalten, um Diebstähle zu
erschweren. Im Mai kam das Holz in Pegau an, wurde am Floßplatz
herausgezogen, aufgestapelt und dann an die Berechtigten verkauft.
Der Floßplatz lag etwa dort, wo heute die Haltestelle Pegau der Linie
Pegau–Kieritzsch liegt (in der gegenüberliegenden Gärtnerei). Einer der
ältesten Pegauer Einwohner erzählte mir, daß ihm und anderen Jungen
die Holzhaufen willkommene Gelegenheit zu Kletterpartien boten. Der
kleine Floßgraben beginnt westlich von Pegau bei dem Dorfe Stöntzsch
und führt dann nördlich von Pegau vorbei in die Weiße Elster. Kurz vor
seinem Ende hatte er noch ein Hindernis zu überwinden in dem breiten
und tiefen Elstermühlgraben. In einer breiten Holzrinne, dem Fluter,
wurde der Floßgraben drüberweg geleitet. Dann schwamm das Holz in der
Elster abwärts bis etwa nach Döhlen, von hier aus in einem Graben bis
Leipzig; der »Floßplatz« erinnert uns noch heute inmitten der Großstadt
an jene Zeiten. Ähnliche Hindernisse wie den Mühlgraben hatte der
Floßgraben noch an andern Orten zu überwinden, so daß Kunstbauten wie
Dämme, Brücken, Wasserablässe u. a. m. noch oft anzutreffen sind.
[Illustration: Abb. 1. =Der Floßgraben=]
[Illustration: Abb. 2. =Am Floßgraben.= Die Baumreihe links im
Hintergrund bezeichnet den Lauf des kleinen Floßgrabens]
Während der Floßgraben selbst von einem Anliegerverband unterhalten
wird, sind einige zum Graben gehörige Altertümer dem Verfall
preisgegeben. Diese Altertümer, es handelt sich um Steine mit
Inschriften, liegen zum Teil an der Abzweigstelle des Leipziger
Floßgrabens, also etwa dreiviertel Stunde westlich von Pegau. Ein
kleines Wehr führt das Wasser des großen Floßgrabens dem kleinen zu.
Dieser erweitert sich sofort talartig und wird nach etwa zweihundert
Meter von einer drei bis vier Meter hohen Steinmauer abgesperrt.
Diese Mauer, aus Sandsteinquadern errichtet und heute bis auf geringe
Reste verfallen (man hat einen Teil der Steine in der Nähe zu einem
Brückenbau benutzt), hatte offenbar den Zweck, das Wasser zunächst
anzustauen. War das Staubecken gefüllt und lag die für Pegau bzw.
Leipzig bestimmte Holzmenge darin, so wurde eine Schleuse geöffnet, und
das herausströmende Wasser riß das Holz mit fort.
[Illustration: Abb. 3. =Beginn des kleinen Floßgrabens=]
Neben dieser Abzweigstelle steht ein Gedenkstein. Er ist etwa
eineinviertel Meter hoch und neunzig Zentimeter breit und besteht aus
Sandstein. Leider steht er ganz schief, so daß man die Inschrift der
einen Seite kaum entziffern kann. Auf beiden Seiten stehen obenan die
gekreuzten Kurschwerter, auf einer Seite außerdem eine Krone. Die
Inschrift lautet nach Dr. Riedel (a. a. O.): »Anno 1713, als unter
Regierung des allerdurchlauchtigsten großmächtigen Königs in Pohlen
und Churfürsten von Sachsen Herrn Friedrich August der hochfreyherrl.
Exzellenz, Herr Baron von Löwendahl, Ritter des Elefantenordens,
Oberhofmarschall, wirklicher geheimbder Rath, Cammerpräsident und
Oberbergrath. Direktor, der Herr Cammerjunker Philipp Ferdinand von der
Heyde, Oberaufseher beyder Elsterflözen, der Herr Müntzinspektor Johann
Christoph Krauße Holzverwalter zu Leipzig, Samuel Man (?) Holzverwalter
zu Pegau waren …« Der Schluß ist nicht mehr zu entziffern.
[Illustration: Abb. 4. =Der Floßgraben.= Am Wehr beginnt der kleine
Floßgraben]
Kurz nach dieser Stelle führt der Floßgraben auf einem hohen Damm über
ein Tälchen hinweg. Der Damm hat einen mannshohen, gemauerten Durchlaß
für ein im allgemeinen nur bei Regen und Tauwetter fließendes Bächlein.
An diesem Durchlaß sind drei weitere Denksteine. Da steht auf dem
nach Osten gelegenen Ausgang am Schlußsteine: Johann Adam Schmidt,
Floßverwalter in Zeitz, Samuel Brohl (?) (s. o.!) Floßverwalter in
Pegau, Gottfried Lindenhayn, (Maurer)meister anno 1729. Am Schlußstein
der entgegengesetzten Seite entzifferte ich nur die Worte: Carl …
von … Floßdirektor … Floßmeister 1729. Nach Dr. Riedel (a. a. O.)
lautet die Inschrift: »Karl Gottlob von Leubnitz, Floßdirektor und
Inspektor, und Philipp Ferdinand von der Heyde, Oberaufseher der
Flöße …« Interessanter ist ein Mauerstein an der westlichen Seite
mit den Worten: Anno 1728, den 29. August (ist dieses) Gewölbe durch
einen entstandenen (Hoch)wasserfluß von Grund aus umgerissen und
das darauffolgende Jahr hinwieder ganz neu erbaut. Michael Pauli,
Floß(meister) (n. Dr. Riedel). Irgendein Naturereignis hat also damals
das kleine Bächlein zum zerstörenden Strome anschwellen lassen.
Eine ähnliche Katastrophe hat übrigens 1712 in Näthern bei Zeitz den
Floßgraben heimgesucht (a. a. O.).
[Illustration: Abb. 5. =Der Floßgraben.= Rechts die talartige
Erweiterung. Am rechten Ufer der Denkstein]
Da der große Floßgraben noch heute von dem erwähnten Interessenverbande
in gutem Stande gehalten wird, hat er offenbar auch noch irgendwelche
Aufgaben zu erfüllen. Die Flößerei selbst ist seit 1864 eingestellt.
Die Eisenbahn, die so manchem alten Verkehrsmittel ein Ende bereitete,
lieferte das Holz billiger, als es mit dem Floßgraben möglich war. In
der Blütezeit dagegen hat die Flößerei große Gewinne erzielt, die den
sächsischen Fürsten willkommen waren.
[Illustration: Abb. 6. =Der Denkstein=]
Der kleine Floßgraben ist verfallen; nur zu Regenzeiten ist er
stellenweise mit Wasser gefüllt. Einen zusammenhängenden Wasserlauf
stellt er nur ganz selten dar.
[Illustration: Abb. 7. =Floßgraben mit Denkstein=]
Erwähnt werden mag noch die Bedeutung des Floßgrabens für das
Landschaftsbild der Pegauer Pflege. Er ist an beiden Ufern von meist
hohen Bäumen bestanden. Vor allem wechseln Erlen, Weiden, Pappeln,
Eschen einander ab. Diese Baumreihe fällt in unsrer baumarmen Gegend
um so mehr ins Auge, so daß man den Verlauf des Floßgrabens aus großer
Entfernung verfolgen kann; als besonders geeignete Punkte wären
Pegauer und Zeitzer Rathausturm zu empfehlen. Auch dem aufmerksamen
Eisenbahnreisenden, der etwa von Leipzig nach Gera zu fährt, wird die
auffällige Baumreihe im Westen nicht entgehen. Einige Male kann er
sogar den Spiegel unsres alten Floßgrabens sehen.
[Illustration: Abb. 8. =Floßgraben mit Baumreihe=]
Fußnote:
[2] Auf den Floßgraben sich beziehende geschichtliche Daten
sind einem Aufsatz von Studienrat Dr. Riedel, Leipzig,
entnommen: »Wanderungen am Floßgraben.« (Wanderbuch: »Rund
um Leipzig«.)
Deutsche Volkskunde
Von _E. Mogk_, Leipzig
Als im Mai dieses Jahres die Gesellschaft für Deutsche Bildung, die
Deutschkundler, in Düsseldorf tagte, fand unter anderem auch eine
Aussprache über die Behandlung der Volkskunde auf unseren höheren
Schulen statt. Besonders erfreut hat mich der Bericht über diese
Aussprache nicht. Denn er zeigte klar, wie unklar über die Volkskunde
als Wissenschaft die Redner gewesen sind, obgleich doch gerade unter
den Lehrern des Deutschen über sie und ihre Verwertung in der Schule
Klarheit herrschen sollte. Daher fragte ich mich, ob es überhaupt
schon an der Zeit ist, die Volkskunde allgemein in den Schulen
einzuführen, wie es der Verband deutscher Vereine für Volkskunde
anstrebt. Notwendig dünkt mich vor allem die Heranbildung von Lehrern,
die in der wissenschaftlichen Volkskunde, in der historischen und
psychologischen Erklärung der Tatsachen ebenso zu Hause sind wie in der
praktischen, im Leben und Fühlen unseres Volkes. Sich hier heimisch
zu machen, verlangt unsere Zeit. Wie die Pilze schießen jedes Jahr
volkskundliche Werke mit örtlicher Umgrenzung auf, und wohl kein
deutsches Land, keine preußische Provinz gibt es, die nicht schon
jetzt ihre Volkskunde hätte. Freilich auch in diesen Werken ist die
Umreißung des Gebietes öfter recht unklar, und manches ist eigentlich
mehr eine Heimatskunde als eine Volkskunde. Auch Bücher, die die
Volkskunde ganz Deutschlands behandeln, sind in letzter Zeit neben E.
H. Meyers Werk mehrere erschienen. Ich erwähne nur die Bändchen von
K. Reuschel und H. Naumann, recht erfreuliche Leistungen, die aber
doch auch ihre Schwächen haben, weil ein einzelner nicht auf all den
zahlreichen Teilgebieten der Volkskunde heimisch sein kann. Daher ist
es freudig zu begrüßen, daß John Meier, zurzeit der Vorsitzende des
Verbandes deutscher Vereine für Volkskunde, eine Anzahl auf ihrem
Gebiete bewährter Kräfte zu gemeinsamer Herausgabe einer Deutschen
Volkskunde veranlaßt hat[3]. Selbstverständlich sind nicht alle
Teile gleich ausgefallen, aber jeder hat geleistet, was in seinen
Kräften steht. Aufgefallen ist mir bei den ersten Abschnitten, daß
diese ausschließlich auf das Bauerntum eingestellt sind. Aber in den
Städten lebt doch auch noch Volkstum fort, und gerade die Umwandlung
agrarischer Sitten und Gebräuche in den Städten ist eines der
anziehendsten Kapitel auf dem Gebiete der historischen Volkskunde. So
ist gleich _Boettes_ Einführung nichts anders als eine Charakteristik
des deutschen Bauern, wobei man l’Houes Psychologie des Bauerntums hier
wie in der Bibliographie ungern vermißt. Über das Wesen der Volkskunde
und ihre Aufgaben wird nichts gesagt. Auch _Lauffer_ hat seinen an
und für sich trefflichen Beitrag auf das bäuerliche Gehöfte und die
Dorfanlage beschränkt. In einer neuen Auflage, die sicher bald zu
erwarten ist, berichtet er hoffentlich auch über den Hausrat, der ja zu
seinem besonderen Forschungsgebiete gehört. Selbst _Sartori_, der doch
in der Geschichte von Sitte und Brauch wie selten einer heimisch ist,
läßt nur ganz selten seine Blicke über die bäuerlichen Verhältnisse
hinausschweifen. In dankenswerter Weise geht er aber auf Sinn, Ursprung
und Entwicklung der Bräuche ein und tritt hier manchem landläufigen
Irrtum entgegen. Recht gut ist der Abschnitt über den Aberglauben von
_Bächtold-Stäubli_, wenn auch natürlich der Volksglaube nicht in seinem
vollen Umfange behandelt wird. Ganz besonders hervorgehoben werden
möchte die vierfache Wurzel des Aberglaubens, da sie fast für alle
Zweige der Volkskunde Geltung hat: das germanische Heidentum, antiker
(griechisch-römischer) Glaube, wissenschaftliche Anschauungen früherer
Zeiten (höherer Kreise?), neuer Aberglaube, wie er in der menschlichen
Psyche jederzeit entstehen kann. – Mit _John Meiers_ Namenkunde betritt
man das physiologische Gebiet der Volkskunde. Personen-, Familien-,
Flur- und Ortsnamen werden in gründlicher Weise geschichtlich verfolgt
und erklärt, wobei für die Siedlungsgeschichte manch dankenswerter
Brocken abfällt. Etwas anders hatte ich unter _Jos. Müllers_ »Rede
des Volkes« erwartet. Ich dachte an eine neue Aufnahme der seiner
Zeit von Polle behandelten Frage: »Wie denkt das Volk über die
Sprache?«, wozu ja die volkskundlichen Zeitschriften, namentlich die
Berliner, öfter Stoff geboten haben. Statt dessen gibt Müller nur eine
Skizze dialektischer Erscheinung und stellt das Verhältnis zwischen
Dialektforschung und Volkskunde in klarer verständlicher Weise fest.
Die letzten drei Abschnitte behandeln die literarischen Erzeugnisse
des Volksgeistes, wenn man sich so ausdrücken darf, alle drei von
besten Kennern des Sondergebiets bearbeitet: Die Sage von _Fr. Ranke_,
Das Märchen von _Fr. Panzer_, Das Volkslied von _Erich Saemann_. In
allen diesen Abschnitten wird über Inhalt und Form, sowie über den
Ursprung und den Wandel dieser Volkspoesie gehandelt, zur Sammlung
von Volkssagen werden gute Fingerzeige gegeben, die Geschichte der
Märchenforschung, die zum Verständnis des Märchens unbedingt notwendig
ist, wird skizziert, für die Behandlung des Volksliedes in der Schule
wird eine Lanze gebrochen. So belehren sie und regen zugleich zu
weiterer volkskundlicher Tätigkeit an. Und das ist der Zweck des
ganzen Buches, wozu auch der reichliche, wenn auch nicht vollständige
bibliographische Anhang die Hand bietet.
Fußnote:
[3] _Deutsche Volkskunde_ im besonderen zum Gebrauch des
Volksschullebens. Im Auftrage des Verbandes deutscher
Vereine für Volkskunde herausgegeben von _John Meier_. 344
Seiten 8°. Berlin und Leipzig, Walter de Gruyter & Co.,
1926.
Schützenfest in der Kleinstadt
Von _W. Rudolf Leonhardi_, Wilsdruff
Acht Tage lang steht Dresden im Zeichen seiner Vogelwiese, acht Tage
lang ist der große Rummel- und Tummelplatz an der Elbe erfüllt von
jenem Vielklang von Stimmen, Instrumenten und jenem Lärm, den man mit
mehr oder minderem Recht als Musik bezeichnet. Zu Tausenden pilgern
dann die Dresdner und die Fremden hinaus, um an dem fröhlichen Treiben
teilzuhaben. Und der Chronist notiert einen schönen Verlauf dieses
»Volksfestes«.
Aber – Hand aufs Herz – sind sie alle draußen, die Dresdner, die in
ihrer Gemeinsamkeit das »Volk« darstellen? Steckt nicht manch einer,
ob nun jung oder alt, in seiner Behausung, in seiner Werkstatt, hinter
seinem Ladentische und spürt nichts, aber auch gar nichts von dem
bunten Treiben? Vielleicht, daß einmal eine vollbesetzte Straßenbahn
oder ein knarrender Omnibus mit unternehmungslustigen Insassen an ihm
vorbeifährt, oder die mißgestimmten Töne eines auf dem Festplatze
erstandenen Blasinstrumentes, einer Fiepe[4], wie der Dresdner sagt,
ihn aus seiner Ruhe schrecken. Wer nicht zur Vogelwiese gehen will,
wer nicht zu ihr kommt, der spürt sie wenig oder gar nicht.
Und das ist der große Unterschied zwischen diesem Volksfest in Dresden
und jenem in der Kleinstadt. Das Schützenfest, wie es dort heißt, kommt
zu jedem. Es trägt seinen Zauber in die Straßen des Städtleins und in
die Häuser selbst hinein. Und wird so zum wirklichen Volksfest. Das
alte Mütterlein, welches sonst müde aus dem kleinen Fenster über das
Gäßchen schaut, und dessen ganze Welt die vier Häuschen sind, die ihr
Blick umfaßt, der Meister, der von früh bis abends an seiner Werkbank
um’s tägliche Brot arbeitet, die Männer in den Amtsstuben, die Frauen
in ihren schwülen Küchen, durch deren Fenster das grüne Gemüsegärtchen
blickt – sie alle, alle haben teil am Schützenfest, denn es sendet
seinen Gruß in jeden Winkel der Stadt, und jedes Fenster grüßt
freundlich zurück.
Schon ein paar Tage vor dem Festsonntag ziehen die Schützen zur »Revue«
und zum Exerzieren auf den Schützenplatz hinaus. Musik hallt durch die
Straßen, die Fenster gehen auf, Groß und Klein, was nur immer Zeit
und Beine hat, marschiert mit zu dem grünen Wiesenplan hinaus. Und
mit diesem Auftakt wird’s im Städtchen lebendig. Alles rüstet sich
zum Feste. Am emsigsten Hausfrauen. Freilich, die weißen Uniformhosen
des Gatten sind schon lange gewaschen und gebügelt, die Knöpfe sind
blank geputzt, und der Gestrenge selbst hat seinem Gewehr mit eifrigem
»Flimmern« neuen Glanz verliehen. Aber nun geht es an’s Backen, an’s
Zurichten und an’s große Reinemachen, denn der Festtag bringt Gäste.
Und die Kinder winden derweilen Kränze und Girlanden zum äußeren
Schmucke des Häuschens und der Straße. Nach des Tages Arbeit treffen
sich am Abend die Schützenfrauen, winden und binden, sinnen und spinnen
wie weiland die Parzen, um den besonders schönen Schmuck des Hauses und
der Straße herzustellen, wo der Schützenkönig wohnt. Und nach Art der
Schicksalsgöttinnen weissagen sie wohl auch während der guten Reden,
die die Arbeit begleiten, wer dessen Nachfolger wird – ob’s stimmt,
ist freilich eine andere Frage. Vorerst aber gilt ihrer Hände Werk dem
bisherigen. Die Ehrenscheibe, die ihm im Vorjahre die majestätische
Würde einbrachte, wird umrankt und über des Hauses Tor angebracht. Eine
fahnengeschmückte Ehrenpforte grüßt ihn auf der Straße.
Am Sonnabend abend ertönt der Zapfenstreich auf dem Marktplatze, des
Sonntags in aller Herrgottsfrühe wird geweckt. Durch alle Straßen
des Ortes zieht die nimmermüde Stadtkapelle, eine Begleitmannschaft
der Schützen gibt ihr das Geleit. Gar festlich und feierlich ist der
Anblick des Kirchleins, in dem sich die Vereine mit ihren Fahnen zum
Festgottesdienste eingefunden haben. Ihm folgt das Königsfrühstück im
ersten Gasthofe der Stadt, und kaum hat die Mittagsglocke geläutet
und die vielgeplagte Hausfrau die um zahlreiche liebe Gäste vermehrte
Tischrunde gespeist, beginnt der große Königsauszug. Das Städtlein
hat seinen Festschmuck vollendet, Fahnen, Girlanden, Ranken und
Kränze heißen die Schützen willkommen. Würdevoll schreitet der
Schutzmann voran, dann folgt ein Spielmannszug und die Kapelle,
die den traditionellen Schützenmarsch des Ortes – und welche Stadt
hätte nicht ihren eigenen Schützenmarsch – erschallen läßt. Hoch zu
Pferde folgen der Kommandant und sein Adjutant, schmuck steht ihnen
die grüne Paradeuniform, die erworbenen Medaillen und Ehrenzeichen
der Schützengilde schmücken ihre Brust. Aber manch ein Eisern’ Kreuz
zeugt auch davon, daß auch im blutigen Ernst Aug’ und Hand fürs
Vaterland erprobt worden sind. Schwarz und im Schlot schreitet das
Präsidium der Gesellschaft hinter ihnen her und fährt mit dem König
im blumengeschmückten Wagen. Und dann kommt die Kompagnie. Weiße
Hosen, grüner Rock, federgeschmückter Schützenhut, so marschiert
sie im gleichen Schritt daher. Alte, wetterharte Gesichter oder
zielbewußte junge. Schwielige Fäuste, die von des Werktags fleißigem
Schaffen Zeugnis geben, halten die Büchsen. Vereine mit ihren Fahnen
und oft eigner Musikbande, folgen. Über allem aber weht die Fahne der
Schützengilde, alt, traditionsreich, von den Besten der alten Krieger
getragen. Noch immer – wie einst – hat die Fahne ihre sammelnde,
führende Wirkung. »Es weht eine Fahne vor uns her, herrliche Fahne!«
sang Richard Dehmel anno 1914.
So geht es von Straße zu Straße, überall miterlebende Menschen, überall
Gruß und Freude, Blumen aus den Fenstern, Heilrufe. Denn das Fest ist
in die Stadt zu den Menschen gekommen und nimmt sie mit hinaus auf den
Festplatz vor den Toren. Das alte Mütterlein hat das Fest begrüßt und
den arbeitsgebundenen Mann hinterm Ladentisch, und das Klingen tönt
weiter in den Straßen, in den Häusern und in den Herzen. Ihr lächelnden
Großstädter mit eurer Vogelwiese, mit eurem geringschätzigen Blick auf
die kleine Stadt, kommt her und seht’s euch an.
Nicht nur das bunte Treiben auf dem Festplatze draußen, nicht nur den
eifrigen, wehenden Tanz im geschmückten Saale des Schützenhauses, nein,
am Montag abend müßt ihr kommen, wenn das Knallen der Büchsen verstummt
ist und der neue Schützenkönig seinen Einzug hält. Längst ist schon
die Sonne gesunken, sternenübersät (wer schaute wohl auf der Dresdner
Vogelwiese nach den Sternen?) breitet sich der dunkle Nachthimmel über
das Städtlein, fast verschlafen liegt es da. Vom Rummelplatze her trägt
der Abendwind zerrissene Töne über die Dächer. Und da – mit einem Male
wird’s lebendig. »Sie kommen! Sie kommen!« Mit einem Schlage ist das
Städtlein quicklebendig. Buntfeuer steigen auf, nicht wenige nur, jedes
Haus erstrahlt in anderem Glanze. Lampions in allen Farben und Formen
erglimmen, ganze Fensterreihen tragen Illuminationslichtlein, Flämmchen
an Flämmchen, straßenlang und um den ganzen sonst so stillen Marktplatz
herum. Musik! Musik! Das Leben, die Freude! Tausende ziehen mit – wie
der Schritt durch die Straßen hallt! Der glücklich lachende König grüßt
aus seinem Wagen und Unzählige grüßen wieder. Sie kennen einander ja
alle in dieser kleinen Stadt. Die Frau Königin dünkt sich die Schönste
heut, wie einst die Königin im Märchen. Und wie ein Märchen ist ja das
alles. Der ahnungslose Fremde glaubt sich in eine sagenhafte Stadt
versetzt, so viel Licht, so viel Leben. Denn wieder kam das Fest zur
Stadt herein, bis zu dem Mütterchen, das an’s Stübchen gefesselt ist.
Der große, ungefüge Kraftomnibus auf dem Marktplatze schaut verwundert
drein. Was will er, der Moderne, in diesem weltabgeschiedenen Idyll?
Auf diesem strahlenden Markte, wo eine unübersehbare Menge schweigend
nun den Zapfenstreich anhört – »Ich bete an die Macht der Liebe« – da
reichen sich Neuzeit und Vergangenheit die Hand. Bringt uns herein
das Neue, Fördernde, Fortschrittliche, was uns aufbauen hilft, ins
Städtchen, aber rührt nicht an das, was uns lieb und wert ist. Rührt
nicht an die alte, schöne Tradition, an dieses Stück Heimatpflege
und Volksgebrauch, das ihr uns da drin in den großen Städten nimmer
nachmachen könnt, weil es viel, viel zu – schön ist.
Fußnote:
[4] Fiepen nennt der Waidmann das Schreien der Rehkitzen.
Wert und Bedeutung lokalhistorischer Forschung für die allgemeine
Geschichte
Gegenwärtig ist man an vielen Orten bestrebt, längst vergangene
Zeiten dem Volke nahe zu bringen und so den Sinn für die
Vergangenheit zu erwecken. Diesen Zweck zu erreichen, greift man zu
verschiedenen Mitteln. Man begründet örtliche Geschichtsvereine,
Vereine für Heimatgeschichte oder Volkskunde, die durch Vorträge,
Veröffentlichungen in Zeitungen oder Sonderheften die Verhältnisse
der Heimat historisch erläutert, zur Kenntnis zu bringen suchen. Man
öffnet dem Publikum Museen, welche durch eifrige Bemühungen einzelner,
sowie durch die Opferwilligkeit mancher Ortsbewohner in kurzer Zeit
verhältnismäßig mannigfaltige und dabei reichhaltige Ausstattung
erhalten haben. So ist jedem sich für Geschichte Interessierenden die
Möglichkeit gegeben, die Kulturverhältnisse und damit das Leben vor
mehreren Jahrhunderten an seinem Auge vorüberziehen zu lassen. Nicht
minder will auch die Veranstaltung der Heimatfeste diesem Bedürfnis
gerecht werden.
Man könnte fragen, ob lokalgeschichtliche Erörterungen und Bestrebungen
nicht nur einen volkstümlichen, sondern vor allem auch einen
wissenschaftlichen Wert haben, ob es also einen Gewinn verspricht,
ein lokalgeschichtliches Thema wissenschaftlich zu bearbeiten. Die
Lokalgeschichte will zur Hebung der Volksbildung, besonders zur
Erhaltung und Belebung des historischen Sinnes als einer starken Stütze
wahren Heimatgefühls beitragen. Doch damit ist noch lange nicht gesagt,
daß derartige Erörterungen auch für den Historiker vom Fach wertvoll
sind. Und dennoch! Sie liefern der Wissenschaft das Quellenmaterial,
das sie zu ihren zusammenfassenden Darstellungen braucht; dazu aber
gehört die stille, entsagungsvolle Gelehrtenarbeit von Jahren. Nur
dann kann die Lokalgeschichte in den Dienst der allgemeinen Geschichte
treten, wenn sie wissenschaftlich und nicht populär betrieben wird.
Als Quellen für dieses historische Forschen kommen vor allen Dingen die
Hauptstaats[5]-, Ratsarchive und Bibliotheken in Frage. Hier finden wir
die Urkunden und Akten, die Zeugen früheren Rechts-, Wirtschafts- und
politischen Lebens sind. Nur wer auf diese Weise forscht und darstellt,
kann der Nachwelt wissenschaftliche Werte hinterlassen.
Herb. Pönicke, ~cand. phil.~
Fußnote:
[5] Dr. _W. Lippert_: Das Sächsische Hauptstaatsarchiv. Sein
Werden und Wesen. Dresden 1922.
Das Liebenauer Christspiel
Von Pfarrer i. R. _Richter_, Zwickau-Schedewitz
Volkstümliches zu pflegen und volkstümliche Einrichtungen zu fördern
und zu unterstützen, muß jedem Freund seines Volks und seiner Heimat
am Herzen liegen. Für die kommende Weihnachtszeit möchte ich zur
Betätigung solcher Heimatgesinnung auf das von schlichten Landleuten
in echt volkstümlicher, dabei aber sehr würdiger und feierlicher Weise
aufgeführte Liebenauer Christspiel hinweisen. Es ist in dem Kirchdorf
Liebenau bei Lauenstein (oberes Müglitztal) seit vielen Jahren
eingebürgert und erfreut sich großer Beliebtheit in der Gemeinde, wie
in weitem Umkreis. Der frühere Ortspfarrer Dr. Johannes Müller verfaßte
es nach dem Vorbild des ursprünglichen Lößnitzer Christspiels unter
Zuhilfenahme anderer Weihnachtsdichtungen.
In vier Abteilungen wird uns das Weihnachtserlebnis vor Augen, zu
Ohren und zu Gemüt geführt als Weissagung, Verkündigung, Anbetung
und Beherzigung. Gesprochenes Wort und Lied, Einzel-, Gruppen- und
Chorgesänge, sowie szenische Bilder wechseln in gestaltungsvoller
Weise ab. Propheten, Engel, Evangelist, Hirten, Fremdling, Pilger und
Pilgerinnen, Herold, Könige, Töchter von Jerusalem, Bethlehemiten sind
die darstellenden Personen.
Wer künstlerisches Theater erwartet, bleibe fern. Wem aber Sinn für
Volkstümliches geblieben ist, der wird an diesem Christspiel seine
helle Freude haben.
Näheres über Tage und Stunden der Aufführung ist zu erfahren beim
Vorsteher der Christspielgesellschaft, Herrn Gutsauszügler Karl Kühnel,
Liebenau bei Lauenstein in Sachsen.
Galgenmauern
Zu den »Federzeichnungen des kursächsischen Oberlandbaumeisters Dilich«
(Mitteilungen, Band XIV, Seite 5–6) teile ich mit, daß die hohen und
festen Mauern, wie sie um dem abgebildeten Galgen von Bischofswerda
zu sehen sind, nicht bloß das Entwenden der Leichname seitens der
Verwandten zwecks Beerdigung hindern sollten, sondern den vielfachen
Mißbrauch mit Leichenteilen und anderem.
In dem Werke: »Das Deutsche Gaunertum usw.« von Friedrich Christian
Benedict Avé-Lollement, Leipzig, F. A. Brockhaus, 1858, I. Band, Seite
168, findet man in dem dort abgedruckten »~Liber vagatorum~« (um das
Jahr 1500 verfaßt) in dem Abschnitte »Von den Klonckern« folgenden
Gaunerstreich:
»Item ein ander warlich exempel, zu Schletstat saß einer vor der
Kirchen derselbe hat einem Dieb einen Schennckel an dem Galgen
abgehawen vnd hat jn für sich gelegt, vnd hat seinen guten schenckel
auffgebunden, derselb wardt mit einem andern Betler vneins, der lieff
baldt vnd sagt das einem Statknecht, alsbald er den Statboten ersehen
hat, wuscht er auff vnd ließ den bosen schenckel ligen, vnd lieff zu
der Stat hinaus ein pferd mocht jn kaum erloffen haben. Er ward darnach
bald zu Achern an den Galgen gehenckt, vnd der durr schenckel hangt
neben jm, vnd hat geheissen Peter von Kreutzenach.«
Bekannt ist ferner der schon Jahrhunderte alte Volksaberglaube, der
sich an den Strick der Gehenkten, das Fett und Blut von Armesündern,
ja sogar an das Holz des Galgens selbst knüpft, und der eine gehörige
Verwahrung des Galgens und der Leichname notwendig machte, um
abergläubischem Mißbrauch entgegen zu wirken.
Ummauerte Galgen hatte auch Leitmeritz, und noch steht der steinerne
Unterbau auf der Stätte des Hochgerichtes der Stadt Aussig a. E., der
auf der Ferdinandshöhe als Wahrzeichen alter Rechtspflege gut erhalten
ist.
_Leitmeritz_, am 26. Juli 1926.
_Franz Kreysa_, Landesgerichtsrat i. R.
Bücherbesprechungen
=Erich Haenel und Eugen Kalkschmidt, Das alte Dresden.= Bilder und
Dokumente aus zwei Jahrhunderten. 316 Seiten und über 200 Bilder.
Verlag von Franz Hanfstaengl, München 1925. In Leinenband 20 Mark, in
Halblederband 26 Mark.
Es war ein guter Gedanke von Erich Haenel und Eugen Kalkschmidt, das
in den Heimatbüchern des Brandstetterschen Verlags zuerst angewendete
Schema, die Entwickelung einer Landschaft durch chronologisch geordnete
zeitgenössische Schriftstellen und entsprechende Bilder zu schildern,
dadurch zu erweitern und zu vertiefen, daß es auf eine einzige
Stadt, allerdings eine der bedeutendsten Deutschlands, auf _Dresden_
angewendet wurde. Was die beiden Herausgeber den originalen Quellen
selbst hinzugefügt haben, beschränkt sich, abgesehen von den zu den
ausgewählten Aufsätzen gehörenden Erläuterungen, auf einen einleitenden
Artikel Haenels »Die Stadt der Vergangenheit« und einen das Ganze
abschließenden Kalkschmidts »Die Großstadt bis zur Jahrhundertwende«.
Die Auswahl unter den Berichterstattern und ebenso die Auswahl unter
den Textstellen zeigt die umfassende Kenntnis und den guten Geschmack
der Herausgeber. Sie haben ein reichhaltiges und für verschiedene
Zwecke brauchbares Quellenmaterial zusammengestellt, das den Forscher
im ganzen ebenso zu befriedigen vermag wie den gebildeten Laien,
das in der Schule ebenso Nutzen stiften kann wie im Familienkreise,
indem es den Werdegang der eigenartigen Dresdner Kultur in den
Hauptzügen offenbart, daneben aber auch die schwächeren Perioden und
den teilweisen Rückgang des geistigen und künstlerischen Lebens nicht
verhüllt. Natürlich wird jeder, der den Stoff einigermaßen beherrscht,
hie und da auch eine Lücke spüren oder eine andere Schriftstelle
vorziehen. So habe ich z. B. den Eindruck, daß das Dresden des
18. Jahrhunderts im Vergleiche zu dem des 19. Jahrhunderts etwas
stiefmütterlich behandelt worden ist und würde zur Wesenszeichnung des
Ministers Grafen Brühl und seiner Zeit statt der Stelle Seite 33 f.
aus der unzuverlässigen Schmähschrift »Leben und Charakter des Grafen
Brühl« lieber einen Originalbrief Brühls in deutscher Übersetzung
aufgenommen haben, der seine Wirtschaftsführung und seine Bauten oder
sein Verwaltungssystem klarzulegen vermöchte (vgl. mein Buch »Minister
Graf Brühl und Karl Heinrich von Heinecken«, Leipzig-Berlin 1921).
Auch treten die leitenden Staatsmänner Sachsens im allgemeinen zu sehr
hinter den Künstlern und diese wieder hie und da hinter den bloßen
Originalen und »Zelebritäten« zurück. So wird z. B. von den bedeutenden
Dresdner Bildhauern des 18. Jahrhunderts weder Permoser noch Gottfried
Knöffler erwähnt, ebenso findet sich von einem Manne wie Heinecken, der
ein Vierteljahrhundert den künstlerischen Geschmack der Dresdner sehr
stark beeinflußte und die literarischen Fehden zwischen den Dresdner
und Leipziger Schriftstellern lenkte, nicht einmal der Name. Einigen
anderen kleineren Anstößen begegnen wir in den erklärenden Zusätzen
der Herausgeber. Es wäre vielleicht praktischer gewesen, wenn statt
des gesonderten Literaturverzeichnisses gleich unter jedem Aufsatz die
Quelle genannt wäre. Denn man findet Kaspar Risbeck, den Verfasser
von »Lichter und Schatten«, Seite 53, im Literaturverzeichnisse
schwer, da sein Werk nicht unter seinem Namen, sondern unter dem Titel
»Briefe eines reisenden Franzosen usw.« angeführt ist. »Die Mundart
der Dresdner«, Seite 77, läßt einige Richtigstellungen vermissen,
denn niemals hat man in Dresden statt »Zeit« gesagt »Zeht« (vgl.
darüber Poeschel in meinem »Sachsenland«, 2. Auflage, Seite 226).
Auch das Verhältnis, in dem Nelson zur Lady Hamilton stand, ist von
Kosegarten Seite 81 verzeichnet und auch in dem Zusatze der Herausgeber
nicht richtig angegeben. Stärkere Irrtümer, die nicht unwiderlegt
bleiben durften, enthält der Brief des Reichsfreiherrn vom Stein an
den russischen Kanzler Nesselrode über die Stimmungen der Dresdner
Bevölkerung und die Haltung des Königs von Sachsen bei Beginn des
Freiheitskrieges 1813 (vgl. dazu meine Darlegungen in dem Buche »Aus
der Zeit der Freiheitskriege und des Wiener Kongresses«, Leipzig-Berlin
1914). Der Friede zwischen Napoleon und dem Kurfürsten Friedrich August
III. wurde nicht unmittelbar nach der Schlacht von Jena geschlossen
(Seite 86), sondern erst im Dezember 1806. Irreführend ist auch die
Bezeichnung »Gefecht bei Lützen«, Seite 93, für die gewaltige und für
die erste Hälfte des Feldzugs entscheidende Schlacht bei Groß-Görschen
vom 2. Mai 1813. Die Angabe, wo Findlaters Weinberg zu suchen sei,
gehört nicht zu Seite 227, sondern schon zu Seite 190.
Doch diese kleinen Ausstellungen, die sich bei einer zweiten Auflage
des Buches leicht berichtigen lassen, sollen nicht den Wert der
trefflichen Leistung herabsetzen. Sie erfreut durch viele helleuchtende
Perlen, wie z. B. durch die geistvolle Aussprache Karl Immelmanns im
»Reisejournal von 1831« über Pillnitz und Dresden, Seite 187, durch
die stimmungsreiche Studie eines Unbekannten »Gesellschaftlicher
Naturgenuß um 1830« (Seite 187 f.), durch die feinen literarischen
und künstlerischen Porträts Alfred Meißners und Friedrich Pechts und
schließlich auch dadurch, daß manches weitverbreitete falsche Urteil
stillschweigend berichtigt wird. So hatte unser temperamentvoller,
alles Sächsische mit einem gewissen Haß verfolgende Landsmann Heinrich
von Treitschke von dem allerdings etwas zeremoniösen König Friedrich
August I. übertreibend geschrieben, er habe niemals mit einem
Menschen gesprochen, der nicht wenigstens den Rang eines Obersten
besaß. Nun lesen wir aber im »alten Dresden«, Seite 180, in einem
kulturgeschichtlichen Brief von Gustav Klemm: »Bei diesen Jagden
war der König sehr liebenswürdig, er sprach mit den Bettmeistern
der Jagdschlösser, mit den Forstbedienten und Jagdbeamten, die er
allesamt persönlich kannte.« Und darnach folgt die reizende Geschichte
vom Wildschwein, das die Lakaien und der Kutscher heimlich auf des
Königs Wagen gepackt hatten, um es in Dresden – doch das mag nur jeder
selbst im »alten Dresden« nachlesen, denn wir wünschen diesem Buche,
dessen reichhaltiger Bilderapparat in Auswahl und Ausführung geradezu
mustergültig ist, die weiteste Verbreitung.
Otto Eduard Schmidt.
=Alte Kunst in Sachsen.= Band I. Sächsische Plastik um 1500 von Walter
Hentschel. Gebunden 15 Mark. Wilhelm Limpert, Dresden.
Das Sächsische Landesamt für Denkmalpflege plant die Herausgabe einer
größeren Reihe von Einzeldarstellungen aus dem Gebiete der alten
sächsischen Kunst. Als erster Band ist bereits die Sächsische Plastik
um 1500, bearbeitet von Dr. Walter Hentschel, erschienen. Man kann sich
dieses Erfolges der Sächsischen Denkmalbehörden nur von ganzem Herzen
freuen, denn was hier druck- und reproduktionstechnisch hervorragend
auf hundert stattlichen Tafeln im Großquartformat vorgeführt wird,
ist auch für den Kenner der sächsischen Kunst eine Überraschung.
Diese reiche Schaffenskraft unserer Väter aus einer örtlich eng
begrenzten Schaffensperiode erfüllt uns mit ehrlicher Bewunderung,
ja sie weitet auch unseren Blick gegenüber dem Arbeitswillen
unserer Tage. Die Versenkung in die künstlerischen Werte längst
vergangener Zeitabschnitte bewahrt uns ebensosehr vor der Über- wie
der Unterschätzung der Leistungen unserer eigenen Zeit. Und darauf
müßte es uns, die wir alle um den Aufbau einer ehrlichen Volkskultur
bemühen, in erster Linie ankommen. Die Schärfung des eigenen Urteils,
die vorurteilslose Einstellung zum Kunstwerk selbst, sei es alt oder
neu, müßte Gemeingut aller werden. Wir beglückwünschen Herausgeber und
Verleger zu dem schönen Werke und empfehlen den Freunden unserer Heimat
die Anschaffung des Werkes.
Dr. Paul Goldhardt.
Für die Schriftleitung des Textes verantwortlich: Werner
Schmidt – Druck: Lehmannsche Buchdruckerei, Dresden
Photographische Platten »Perutz« – Photographische Aufnahmen:
Max Nowak – Auflage 50000
Einbanddecken
=Jahrgang 1926 (Band XV)= in Leinen =Mark 1.50=
und 30 Pfg. Postgeld und Verpackung
Bestellungen erbitten durch beiliegende Karte
Besucht unser
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in herrlichster, nervenberuhigender Lage unweit unserer
Naturschutzgebiete _Sattelbergwiesen_
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Anmeldungen an unsere
Geschäftsstelle, Dresden-A.
Schießgasse 24
(Für die Sommerferien erbitten wir umgehende Bestellung!)
Dresdner Heimatschutz-Vorträge
abends 8 Uhr im _Vereinshaus_, Zinzendorfstraße
=Freitag, den 11. Februar=: »=Das Erzgebirge=«. Seine Mundart.
– Sein Gesang. Max Wenzel, Chemnitz. – Anton Günther,
Gottesgab.
=Freitag, den 18. Februar=: »=Schuch-Abend=«. Liesel von
Schuch, Käthe von Schuch, Hans von Schuch. Dr. Arthur Chitz.
=Freitag, den 25. Februar=: =Filmvortrag: »Unsere Meeresvögel
im Schutze der Heimat«.= Professor Dr. Günther Neumann,
Dresden.
=Donnerstag, den 3. März=: =Lichtbildervortrag: »Deutschland«.=
Professor Franz Goerke, Berlin.
=Mittwoch, den 9. März=: =Lichtbildervortrag: »Mit deutscher
Jugend durch deutsches Land«.= Oberlehrer Jänichen, Bautzen.
Gastspiele vom Dresdner Kasperle
unter besonderer Befürwortung von Hofrat Professor Seyffert
=Donnerstag, 3. Februar, nachmittags 4 Uhr=: Der Butzemann von
Seiffen oder die Wunderblume.
=Abends 8 Uhr=: Der Freischütz oder die Beschwörung in der
Wolfsschlucht, frei nach der alten Volkssage.
=Freitag, 4. Februar, nachmittags 4 Uhr=: Das Märchen von der
schönen geraubten Prinzessin Rosa.
=Abends 8 Uhr=: Dr. Faustens Höllenfahrt, gespielt in einer
alten Dresdner Fassung von 1600.
=Sonnabend, 5. Februar, nachmittags 4 Uhr=: König Bosel und die
Winzer von Meißen.
=Abends 8 Uhr=: Seltsame und wunderliche Erlebnisse eines
Sachsen in Spanien. Große romantische Kasperle-Oper.
=Sonntag, 6. Februar, nachmittags 4 Uhr=: Das Brückenmännlein
an der Augustusbrücke oder die Wendische Hochzeit.
=Abends 8 Uhr=: Das alte Kölner Puppenspiel von Jedermann.
Nach Fassung des Meisters Ehrhardt, um 1700.
Erwachsene 1.-- M., Kinder --.50 M.
Vortragsraum wird noch bekannt gegeben
Kartenverkauf: =Heimatschutz, Dresden-A.=
Schießgasse 24
Lehmannsche Buchdruckerei, Dresden-N.
Weitere Anmerkungen zur Transkription
Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Die
Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht.
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